Berliner Ensemble | Parallelwelt © Birgit Hupfeld
Bild: Birgit Hupfeld

Berliner Ensemble - "Die Parallelwelt"

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In der simultanen Inszenierung von Kay Voges, die am Samstag simultan am Berliner Ensemble und dem Schauspiel Dortmund uraufgeführt wurde, spielten die Schauspieler zeitgleich miteinander.

Vier quadratische Räume bilden die Bühne, zwei nebeneinander, zwei übereinander. Unten agieren leibhaftige Schauspieler, oben fängt eine Leinwand Bilder ein. Vier Perspektiven gleichzeitig. Eine Frau liegt in den Wehen, gebärt neues Leben, stöhnt und ächzt, eine Krankenschwester reicht ihr ein Glas Wasser. Im Bild über ihr stöhnt und ächzt es ebenfalls, ein Wasserglas wird gereicht – hier geht ein Leben zu Ende, ein alter Mann ringt mit dem Tod. Die real vorhandene Schwangere doppelt sich oben als Videobild, unten tanzen Frauen wie in einem Zwischenreich durch den vierten Raum.

Das Doppelgänger-Motiv

Es ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, mit der sich Regisseur Kay Voges hier erneut beschäftigt: Leben und Sterben, in derselben Sekunde. Auch die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird verhandelt. Denn es ist derselbe Fred, der unten seinen ersten Schrei tut, dessen letzter Schrei in der Ansicht darüber gerade erlischt. Fred wird geboren und Fred stirbt. Im selben Moment.         

Voges, Intendant am Schauspiel Dortmund und bekannt für seine theatralen Expeditionen in virtuelle Welten, bringt in seiner neuen Arbeit "Die Parallelwelt" zwei Ensembles an zwei Theatern in zwei Städten zur selben Zeit zur Uraufführung, die dieselbe Lebensgeschichte eines Menschen erzählen – jedoch in unterschiedlicher Abfolge. Über Glasfaserkabel und Video-Schalte sind die Bühnen am Berliner Ensemble und am Schauspiel Dortmund miteinander verbunden.

Das Doppelgänger-Motiv ist im Theater zwar alles andere als neu, nichtsdestotrotz könnte die Inszenierung ein spannendes Experiment mit Zeit und Raum sein: Wenn ein Atom laut Quantentheorie an mehreren Orten gleichzeitig ist – kann das nicht auch der Mensch? Und wie gehen wir damit um, womöglich nicht so einmalig zu sein wie wir glauben?

Berliner Ensemble | Parallelwelt © Birgit Hupfeld
Bild: Birgit Hupfeld

Pseudophilosophische Wiederholungsschleifen

Doch die Inszenierung erfreut sich so sehr an ihrer hochprofessionellen Live-Bildregie, ihrer technischen Raffinesse, dass der Text, der Inhalt zum Nebenprodukt schrumpft. Während sich Freds Leben auf der Berliner Bühne in sieben Szenenbildern über die Kindheit, die erste Liebe, hin zur Hochzeit, zur Ehekrise, ins hohe Alter und auf den Tod zubewegt (genau umgekehrt in Dortmund), wird in Wiederholungsschleifen pseudophilosophisch von der nicht messbaren Realität, der Kreisförmigkeit der Geschichte und der Wahrscheinlichkeit unserer Existenz schwadroniert. Noch verquaster fallen die "Intermezzi" zwischen den Szenen aus, in denen auf der Leinwand zwei Personen in Toga esoterische Nebelkerzen über Karma, Labyrinthe, die Unendlichkeit und den Riss in unseren Seelen zünden.   

Zur Lebensmitte ist man sowohl in Dortmund als auch in Berlin bei Freds Hochzeit angekommen. Hier verzahnen sich plötzlich die Ebenen – Braut und Bräutigam blicken erschrocken auf ihre jeweiligen Zwillingspaare auf der Leinwand. Wer mag nun die echte Braut sein, wer die Kopie? Und wer kann sich mit der narzisstischen Kränkung abfinden, nicht einzigartig zu sein? Auch wenn hier völlig unvermittelt in den boulevardesken Philosophie-Diskurs gewechselt wird, wie man ihn von René Pollesch kennt, über Currywürste und Brautkleider gestritten wird, dürfen die Schauspieler nun zumindest kurzzeitig zum Leben erwachen und ihren dreidimensionalen Körper ganz analog ausfüllen und vorführen.

Berliner Ensemble | Parallelwelt © Birgit Hupfeld
Bild: Birgit Hupfeld

Hochwertig produzierte Videos

Die längste Zeit der zähen, durchweg vorhersehbaren zwei Stunden aber weiß Voges die Anwesenheit realer Schauspieler kaum zu nutzen. Und verschenkt somit die vielleicht interessanteste Frage dieser Inszenierung im Zeitalter der Digitalisierung: Was hat der stoffliche, materialisierte Körper in all seiner Sinnlichkeit und Nähe, in seiner direkten Ansprache an den Zuschauer dem zweidimensionalen Videobild voraus – und wo siegt die Nahaufnahme, das inszenierte Bild über das reale Fleisch und Blut? Große Schauspieler wie Peter Moltzen, Stephanie Eidt, Annika Meier, Josefin Platt agieren in ihrem abgesteckten Quadrat fast ausschließlich mit Blick in die Linse, verdeckt vom Kameramann. Hochwertig produzierte Videos, perfektionierte technische Abläufe und hübsch ausstaffierte philosophische Thesenträger sind an diesem Abend zu sehen – aber keine Menschen.  

Barbara Behrendt, kulturradio

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