"Daniel Harding"; © Julian Hargraeves
Julian Hargraeves
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Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker unter Daniel Harding

Bewertung:

Bruckner in Rekordzeit. Für die fünfte Sinfonie benötigt Daniel Harding gerade einmal gute 70 Minuten. Leicht, durchhörbar, handwerklich souverän. Und doch emotional über weite Strecken kalt und neutral.

Bruckner-Festwochen in Berlin. Beim gerade zu Ende gegangenen Musikfest standen gleich drei Sinfonien des Komponisten auf dem Programm. Jetzt die Fünfte mit den Berliner Philharmonikern. Und auf dem Fuße folgt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter seinem Chefdirigenten Robin Ticciati mit der Siebten.

Ein Wolkenkratzer

Da ist es eine gute Entscheidung, diese Sinfonie alleine stehen zu lassen. Das ist nicht nur ihrer zeitlichen Ausdehnung von in manchen Aufführungen 90 Minuten geschuldet, sondern ihrer Architektur, die so komplex ist, dass eigentlich kein anderes Stück daneben bestehen kann.

Bruckner soll selbst von seinem "kontrapunktischen Meisterwerk" gesprochen haben. Das heißt im Grunde nichts weiter, als dass die meisten Themen der Sinfonie so aufeinander abgestimmt sind, dass man sie nicht nur nacheinander, sondern am Schluss auch übereinander getürmt hören kann. Diese Fünfte ist Bruckners absoluter Wolkenkratzer.

Schlank und zügig

Bei manchen Dirigenten wackeln die Wände, wenn sie Bruckner dirigieren. Daniel Harding will von Monumentalität zunächst nichts wissen. Er dirigiert das so schlank und so zügig, dass er gerade einmal gute 70 Minuten benötigt. Dabei mildert er nichts ab. Gleich nach dem leisen Auftakt dröhnen die Blechbläser, dass man zusammenzuckt.

Allerdings mag Daniel Harding kein Pathos. Das ist schon an seinen sachlichen Dirigierbewegungen spürbar. Er gibt Einsätze, koordiniert, kontrolliert, was vom Orchester kommt – und das hört man: extrem detailreich. Die Architektur hat er gut im Griff.

Wo bleibt die Aussage?

Sicher, man kann Bruckner sehr schlank dirigieren, denn das Monumentale kommt von selbst. Daniel Harding nimmt diese Musik jedoch einfach neutral. Das ist handwerklich souverän, aber wo bleibt die Aussage? Warum hat er das Werk auf sein Programm gesetzt? Was interessiert ihn an diesem Stück?

Dort, wo die Kontraste von selbst kommen, funktioniert die Sinfonie ohnehin sehr gut. Allerdings gibt es Stellen, die so dirigiert richtig banal wirken. Die ersten drei Sätze sind unter Hardings Leitung Kunstgewerbe. Das fasziniert, lässt aber absolut kalt, berührt nicht.

Doch noch Emotion

Ganz anders kommt das Finale daher. Das ist so komplex, dass man es kaum noch darstellen kann. Auch hier behält Daniel Harding den Überblick: Die Philharmoniker spielen wie ein Riesenuhrwerk, wo jedes Zahnrad in ein anderes greift. Und selten hat man so viele Details gehört, war es so mikroskopisch durchleuchtet. Aber hier war es mehr, es passierte klanglich etwas. Man hörte diese wahnsinnige Maschine, die aber dann plötzlich zur Ruhe kommt. Und als Kontrast schließlich das Seitenthema, das eher Caféhaus-Atmosphäre verströmt.

Da war plötzlich Emotion zu spüren, und wenn dann über allem das Choralthema dominierte, war eine ganze Welt versammelt mit Ernst, Spaß, Banalem und Erhabenem. Bruckner war endlich im wahren Leben angekommen. Dieses Finale hat mit der Magerkost zuvor versöhnt.

Daniel Harding ist kein schlechter Dirigent, und man darf vermuten, dass auch diese Musik ihm etwas sagt. Aber hier bewahrheitet sich die Musikerregel: Erst wenn man als Musiker das Gefühl hat, man würde übertreiben, ist es genau richtig. Und das, was der designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko, zu viel an Emotionen zeigt, hat Daniel Harding zu wenig. Aber das lässt sich vielleicht noch korrigieren.

Andreas Göbel, kulturradio

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