Musikfest Berlin 2018: Berliner Philharmoniker unter der Leitung von George Benjamin; © Berliner Festspiele
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Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker unter Sir George Benjamin

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George Benjamin ist in dieser Spielzeit Composer in Residence der Berliner Philharmoniker. Nur sind die Philharmoniker kein Spezialensemble für Neue Musik. Allein der Pianist Cédric Tiberghien war der Lichtblick in einem ansonsten missglückten Abend.

Ein ungewöhnliches Programm für die Berliner Philharmoniker. Viel zeitgenössische Musik. Dazu verlangen drei der aufgeführten vier Werke keine volle Orchesterbesetzung, sondern sind eher für ein großes Ensemble komponiert, ohne den ansonsten gewohnten vollen Streicherapparat.

Zwei der Stücke haben die Berliner Philharmoniker in ihrer langen Geschichte auch noch nie gespielt. Das Problem ist nur: Das ist kein Spezialensemble für zeitgenössische Musik, und das hat man leider auch gehört.

Cummings ist der Dichter

Pierre Boulez' "Cummings ist der Dichter" für Ensemble und Kammerchor lebt, wie eigentlich jedes Werk des Komponisten, von der akribischen Umsetzung. Die Philharmoniker gingen sehr vorsichtig an die Sache heran, auch ziemlich unscharf. Daneben ist George Benjamin auch kein Dirigent, der Musikerinnen und Musiker bei ungewohnten Werken mitreißen und ihnen Sicherheit vermitteln kann.

Er hat die Musik sauber herunterdirigiert, aber nicht mehr. Und so wirkten die Philharmoniker einigermaßen unglücklich bei der ungeliebten Aufgabe, und auch das Sängerensemble, das Chorwerk Ruhr, eigentlich eine mit Neuer Musik erfahrene Formation, brachte einige beeindruckende Klangflächen, aber nicht die Deutlichkeit, die man sonst kennt.

Clocks and Clouds

Ähnlich besetzt für Vokal- und Instrumentalensemble ist György Ligetis "Clocks and Clouds". Das ist eine raffinierte Ligeti-typische Komposition, in der der scheinbare Gegensatz von regelmäßig funktionierenden Uhren und chaotischen Wolkenstrukturen aufgeweicht wird. Wie so oft bei Ligeti gibt es eine Ordnung, die bald kollabiert und lustvoll im Chaos endet.

Die zwölf Sängerinnen von Chorwerk Ruhr hatten hier tatsächlich die Präzision eines Uhrwerks, jede mit ihrer eigenen Geschwindigkeit, professionell wie Zahnräder ineinander greifend. Nur hat sich davon nichts auf das Orchester übertragen. Das war ein Fremdeln mit Neuer Musik, erschreckend lustlos und hilflos.

Palimpsests

Wenn George Benjamin schon Composer in Residence bei den Berliner Philharmonikern in dieser Saison ist, durfte eines seiner Werke nicht fehlen. "Palimpsests" haben die Philharmoniker sogar vor einigen Jahren schon einmal gespielt. Benjamin nimmt den Titel zunächst sehr ernst. Ein Palimpsest, also ein Schriftstück, von dem der ursprüngliche Text abgeschabt wurde und das neu beschriftet worden ist, wobei man aber den alten Text ansatzweise noch erkennen kann.

George Benjamin nimmt diese Idee am Beginn seiner zweiteiligen Komposition klar verständlich auf. Eine gedämpfte Struktur wird mit scharfen Akzenten kontrastiert. Man spürt richtiggehend mehrere Schichten, die einander überlagern. Geschickt gemacht. Dann aber verläppert sich die Musik. Das Material selbst ist zu unbedeutend. Eine gewisse Brillanz ist spürbar, es ist auch handwerklich solide komponiert, nur hat es substanziell wenig zu sagen.

Musikfest Berlin 2018: Berliner Philharmoniker mit dem Solisten Cédric Thiberghien; © Berliner Festspiele
Bild: Berliner Festspiele

Ravel mit linker Hand und mit beiden Händen

Maurice Ravels Klavierkonzert für die linke Hand begann vielversprechend, ganz aus der Perspektive der Neuen Musik, mit schönem Gegrummel in den tiefen Lagen, aus dem sich erst langsam Strukturen herausschälten. Dann aber verabschiedete sich das Orchester in Sachen Gestaltung. Auch hier verwaltete George Benjamin eher den Orchesterpart – und ließ auch den Solisten Cédric Tiberghien allein.

Tiberghien allerdings konnte seine Stärken ausspielen – im Konzert mit den linken Hand in den großen Soloteilen mit Innerlichkeit, Farbenreichtum und Intimität. Da wurde der Große Saal der Philharmonie zum kleinen Wohnzimmer. Und noch schöner in seiner Zugabe, den "Oiseaux tristes" aus Ravels Klavierzyklus "Miroirs" mit gedeckten, gedämpften Farben und trotzdem mit Klarheit und Wärme. Ein Jongleur der Töne, der Ball für Ball dazunimmt und alle souverän in der Luft behält. Diese fünf Minuten waren der Lichtblick in einem ansonsten missglückten Abend.

Andreas Göbel, kulturradio

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