DT/Kammerspiele: Alte Meister mit Katharina Matz, Wolfgang Menardi, Camill Jammal, Christoph Franken; © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater | Kammerspiele - "Alte Meister"

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Die Zeit ist vorbei, als die Stücke des Menschen-Verächters und Theater-Hassers Thomas Bernhard die deutschsprachigen Bühnen dominierte.

Und seit Claus Peymann, der wohl einzige Regisseur, der mit dem österreichischen Grantler befreundet war und ihn richtig verstanden hat, das Berliner Ensemble verlassen musste, machen alle Berliner Theater einen Bogen um Bernhard. Doch jetzt hat Regisseur Thom Luz in den Kammerspielen des Deutschen Theaters aus dem 1985 erschienen Roman "Alte Meister" eine Bühnen-Fassung destilliert und zur Aufführung gebracht.

Die Bezeichnung des Romans als „Komödie“ darf man – Bernhard würde sagen: naturgemäß – nicht so ernst nehmen. Es ist wie immer bei ihm eine bizarre Mischung aus hintergründigem Humor und abgrundtiefer Verzweiflung, eine hanebüchen-existenzielle Lebensfarce und eine irrlichternd-sprachverrückte Kunstpersiflage.

Der Privatgelehrte Atzbacher ist der Erzähler der Geschichte. Er ist bestens bekannt mit dem Musikphilosophen Reger. Die beiden treffen sich oft im Wiener Kunsthistorischen Museum, wo Reger seit dreißig Jahren jeden zweiten Tag im Bordone-Saal auf einer eigens für ihn reservierten Bank sitzt und sich stundenlang Tintorettos „Weißbärtigen Mann“ anschaut.

Das Museum, der Saal und der Tintoretto sind Reger zur zweiten Heimat und eigentlichen Existenzform geworden: Hier denkt er über Kunst nach, liest Literatur und Philosophie, formuliert seine Musikkritiken, die regelmäßig in der „Times“ erscheinen. Und wie Bernhard ist auch Reger ein großer Kunstverächter. Nichts lässt er gelten: ob Tizian oder Tintoretto, ob Nietzsche oder Schopenhauer, Stifter oder Kleist, Mahler oder Bruckner – Er stampft sie alle in Grund und Boden, betrachtet und analysiert ihre Werke so lange, bis er ihre Fehler findet.

Diese Kunst-Vernichtungs-Endlos-Suada von Reger ist in ihrem heiligen Ernst brüllkomisch. Und Atzbacher, der ständig den Monologen Regers zuhören muss, notiert nun, was Reger tagtäglich so von sich gibt – und was Saaldiener Irrsigler von sich gibt: Denn Irrsigler, der den Bordone-Saal auch schon mal für das Publikum sperrt, wenn Reger allein zu sein wünscht, ist das Sprachrohr von Reger. Alles, was Irrsigler sagt, hat auch schon Reger gesagt. Und alles geht seit Jahren seinen immer gleichen Gang.

Doch plötzlich geschieht das Ungeheuerliche: Obwohl heute Samstag ist und Reger normalerweise an diesem Tag nicht ins Kunsthistorische Museum geht, bestellt er Atzbacher ausdrücklich für diesen Vormittag in den Bordone-Saal, um ihm eine wichtige Mitteilung zu machen. Das könnte heiter werden.

Regisseur Thom Luz interessiert an diesem Kunst-Vernichtungs-Monolog nicht, die Aktualität des Textes auszuloten, ihn ins Hier und Heute zu holen, über Sinn und Unsinn von Kunstkritik zu reflektieren. Eher interessiert ihn der Text als Mittel für ein formales und musikalisches Experiment. Er kürzt den 310-seitigen Roman auf 30 Seiten ein, reduziert die Kunst- und Lebenspolemik auf ein dünnes Textskelett, betont die Tonalität und Musikalität, verteilt alles, was Reger, Atzbacher, Irrsigler sagen, auf fünf Personen: eine weibliche und vier männliche Darsteller.

Weite Teile des Textes sprechen sie im Chor, manchmal schälen sich einzelne Charaktere und Stimmen heraus. Katharina Matz scheint das Sprachrohr Regers zu sein, Daniele Pintaudi das Sprachrohr Atzbachers. Aber das verschwimmt und verwischt schnell. Alles löst sich auf zu einer Partitur des endlosen Minimalismus, alles wird immer wieder minimal variiert und minimal rhythmisiert. Das Gerede über die Alten Meister wird zu einem Konzert der Alten Meister, bei dem viel gesummt und gesungen, gedöst und geschlafen und auch immer wieder gern auf dem Klavier geklimpert wird.

Tintorettos „Weißbärtiger Mann“ hängt nirgendwo. Das wäre vielleicht auch zu viel demonstrative, plakative Bebilderung. Die Bühne gleicht eher einem verwunschenen Gedanken-Gefängnis als einem Alten Museum, Nebel wabern unheimlich. Und wenn sie sich lichten, sehen wir einen geschlossenen, hellen Raum, in dem die Saaldiener ihr Unwesen treiben, im Chor singen und summen und Texte zerschreddern, ihre Köpfe durch die Wände in andere Welten stecken, kleine choreografische Tänzchen aufführen und herumalbern.

An der Bühnenrampe sitzt Katharina Matz auf einer durchgesessenen Bordone-Sitzbank und begutachtet und kommentiert das Geschehen. Daniele Pintaudi klimpert endlose Tonfolgen auf dem Klavier und schlüpft dann auch mal in eine der Sprechrollen.

Das könnte ewig so weitergehen, ist dann aber ziemlich schnell, nach nur 75 Minuten, vorbei – und ist nicht abgrundtief verzweifelt, sondern höchstens oberflächlich lustig und neckisch banal. Dass Reger ein am Leben und der Kunst Gescheiterter ist, dass er die Kunst hasst, weil er sich selbst hasst, dass er aber in der Kunst auch den einzigen Sinn des Lebens sieht und sucht – und wohl niemals finden wird –, das bleibt bei all dem kuriosen Getue und Gesinge auf der Strecke.

Es ist ein leicht grotesker, leidlich absurder Abend, der von Ferne an Marthalers musikalische Ausflüge in die Welt der Untoten erinnert, die sich die grausame Realität schön singen und die Welt nur schlafend ertragen, der aber nie dessen existenziellen Abgründe auch nur annähernd erreicht.

Zum Schluss teilt eine Reger-Stimme mit, dass er für heute Abend zwei Eintrittskarten für die Vorstellung von Kleists „Zerbrochenen Krug“ im Burgtheater gekauft hat, und dass er möchte, dass Atzbacher ihn begleitet. „Sie wissen, ich bin Jahrzehnte nicht mehr im Burgtheater gewesen und ich hasse nichts mehr, als das Burgtheater, tatsächlich nichts mehr, als die Dramatische Kunst überhaupt, aber ich dachte gestern, ich gehe morgen ins Burgtheater und schaue mir den „Zerbrochenen Krug“ an. Nehmen Sie die zweite Karte und gehen Sie mit mir heute Abend ins Burgtheater, teilen Sie mit mir das Vergnügen dieser perversen Verrücktheit, mein lieber Atzbacher, sagte Reger. Tatsächlich bin ich am Abend mit Reger in das Burgtheater und in den Zerbrochen Krug gegangen. Die Vorstellung war entsetzlich.“

Entsetzlich war die Vorstellung von „Alte Meister“ nicht. Aber sie hat wieder einmal bewiesen, dass eine überzeugende Dramatisierung eines großen Romans nur selten gelingt, und man vielleicht eine solche Inszenierung nur halbwegs genießen kann, wenn man den Roman nicht gelesen hat und nicht kennt.

Frank Dietschreit, kulturradio

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