DT: Cry Baby mit Sophie Rois; © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Cry Baby"

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René Pollesch und Sophie Rois – sie gehörten zur alten Volksbühne wie das Räuberrad vor dem Haus und das "Ost"-Zeichen auf dem Dach. Mit dem Ende der Ära Frank Castorf haben sie ihr künstlerisches Zuhause in Berlin verloren. Dem Deutschen Theater ist daraufhin der Coup gelungen, Rois ins Ensemble und Pollesch ans Haus zu holen. Mit "Cry Baby" feiern beide nun ihren Einstand am DT.

Durchaus ungewöhnlich, diese Volksbühnen-Stars im plüschigen Guckkasten des Deutschen Theaters zu sehen – auch deshalb, weil das Volksbühnen-Publikum dorthin mitgewandert ist. Deutlich mehr junge Kultur-Hipster mischten sich bei der Premiere unter die weitgehend bürgerlichen DT-Zuschauer. Auch Volksbühnen-Recken wie Carl Hegemann waren zu sehen und alles, was kulturpolitisch Rang und Namen hat. Diese Saisoneröffnung galt als großes Kulturevent – und wurde am Ende mit Standing Ovations gefeiert.

René Pollesch hat die Bühnengestaltung dekorativ dem neuen Ort angepasst. In der Bühnenmitte steht ein herrschaftliches Bett, darüber Vorhänge, die ganz nach 19. Jahrhundert aussehen. Als Verlängerung des Zuschauerraums hat seine Bühnenbildnerin Barbara Steiner die Theaterlogen des Hauses identisch auf die Bühne gebaut.

In dieser verdoppelten Loge sitzt zwischendurch der Schauspieler Bernd Moss und meckert, wann der Abend endlich losginge – bei Pollesch weiß man ja manchmal wirklich nicht, ob schon etwas verhandelt wird oder noch Sprach-Pirouetten gedreht werden. Später ficht Moss von dort oben einen Disput mit Sophie Rois aus, wer hier eigentlich wen für welche Kunst zu bezahlen habe. Ein kleiner Seitenhieb gegen das distinguierte Theaterpublikum?

"Cry Baby" – aus diesem Titel wird man, wie immer bei Pollesch, nicht schlau. Auch der Ankündigungstext des Theaters bleibt mal wieder kryptisch. Und ganz genau kann man bei Pollesch auch nach dem Theaterabend nicht sagen, um was es nun „eigentlich“ ging.

Gekreist wird stets um viele Themen, die einander höchstens zufällig streifen. Diesmal werden dem Zuschauer aber längst nicht so viele Theorie-Brocken und Zitat-Häppchen hingeworfen wie sonst. Man möchte es einen beinahe leicht zugänglichen Abend nennen – zumindest für den traditionell gebildeten DT-Theatergänger.

Ein Zentrum des Abends ist nämlich Kleists "Prinz Friedrich von Homburg". Jener Prinz, der vor lauter Verträumtheit nicht hört, welche Rolle ihm in der Schlacht zugewiesen wird. Der dann unwissentlich die Ansage des Kurfürsten missachtet und ausgerechnet mit diesem instinktiven, unerlaubten Schachzug das Heer in den Sieg führt.

Indem Pollesch Sophie Rois wie einen kleinen, störrischen Prinzen in weißem Nachthemd verschlafen über die Bühne stolpern, über ihre Müdigkeit jammern lässt und über die heutzutage schrecklich ehrgeizigen Jungschauspieler, die alles der Karriere unterwerfen, fragt er auch, wer heute wohl die echten Künstler und Helden sein mögen. Das Schlafen, Träumen, Absentieren von der Welt als künstlerischer Gegenentwurf zum Hamsterrad, das aus Menschen Karrieristen macht.

DT: Cry Baby mit Thea Rasche, Josephine Lange, Sophie Rois, Judith Hofmann, Charlotte Mednansky, Milena Schedle, Lea Beie, Beatrix Strobel, Julia Zupanc, Sarah Quarshie, Therese Lösch, Christine Groß; © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Darüber hinaus geht es ums Theater und wer hier für wen spielt, um Team und Gefolgschaft, um faire Bezahlung und feste Verträge. Ein fröhliches Pollesch-Potpourri, in das der wunderbare zwölfköpfige Frauenchor aus Schauspielstudentinnen in schrecklich bunten Pyjamas viel Witz und Ironie reinträgt.

Und Sophie Rois? Ist selbstredend großartig. Wobei der Starkult um Schauspielerinnen ihrer Liga durchaus befremden kann: Rois betritt die Bühne, steckt noch im ersten Halbsatz – und der halbe Saal gackert bereits euphorisiert. Da werden Spieler nicht mehr beobachtet, sondern abgefeiert.

Trotzdem: Rois bildet das Zentrum des Abends, auch wenn Christine Groß und Judith Hofmann gut mithalten und sich Bernd Moss als Gewinn fürs Pollesch-Universum herausstellt. Das Schöne an Sophie Rois ist ja, wie wenig sie sich begrenzen und festlegen lässt – und trotzdem eine Art Charakter darstellt.

Sie proklamiert Kleist, was das Zeug hält, sie parodiert, sie wettert wie eine Kräuterhexe, teilt aus, schmollt, reagiert blitzschnell mit Lippen, Augenbrauen und blitzenden Pupillen – und die ganze Zeit hat man das Gefühl, ihr beim Denken zuzusehen.

Ein unterhaltsamer, auch boulevardesker und freundlicher Einstand, den Pollesch am Deutschen Theater gibt, deutlich heiterer als manch andere seiner Produktionen. Kaum verschwurbelt ist dieser Abend und trumpft mit einer herzerfrischenden Sophie Rois auf – aber mit diesen kurzweiligen 70 Minuten hat sich Pollesch definitiv nicht neu erfunden.

Vieles bleibt oberflächlich, wirkt irgendwie abgespeckt und sogar glatt. Dass nach diesem Aufschlag kaum noch etwas Besseres kommen könne in dieser Saison, wie mancher Kritiker jetzt mutmaßt, ist da reichlich überzogen – und ebenfalls eine Star-Verehrung, die einem suspekt sein darf.

Barbara Behrendt, kulturradio

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