Maxim Gorki Theater; Foto: Gregor Baron

Gorki Theater - "You Are Not The Hero of This Story / Yes but No"

Bewertung:

Dass die #MeToo-Debatte auch auf der Bühne ausgelotet werden würde, war nur eine Frage der Zeit. Und wer, wenn nicht das gesellschaftspolitische Gorki Theater sollte da vorangehen.

Es stellt die Themen der Debatte prominent an den Spielzeitbeginn; gleich zwei neue Recherchestücke wurden dazu uraufgeführt. Die israelische Erfolgsregisseurin Yael Ronen hat in "Yes but No" die Spieler über ihre Sexualität und Machtstrukturen nachdenken lassen. Die jungen Schweizer Lucien Haug und Suna Gürler haben für ihr Stück "You Are Not The Hero of This Story" echte Männer dazu befragt, wie es Ihnen eigentlich so geht.

Man hört es den Interviews, die aus dem Lautsprecher des Gorki Studios dringen, deutlich an: Die #MeToo-Debatte hat Männer verunsichert. Wie soll Mann jetzt noch angstfrei Frauen ansprechen? Andererseits: Ist es wirklich so schwer, zu merken, ob man zu weit geht?

Von der steil abfallenden Bühne rutschen vier Frauen und ein Mann in identischen Anzügen immer wieder herab. Sie sind spielunfäig, weil Adam, dem Mann aller Männer, seine Geschichte abhanden gekommen ist. Schuld daran sind die Nebenfiguren, die Adams Titelheldenrolle infrage stellen. Anstatt sich aber selbst in den Mittelpunkt zu rücken, klagen sie nur über die unfairen Machtverhältnisse.

Sina Gürler lässt jeden Spieler in die Rolle Adams schlüpfen – schließlich geht es hier um Zuschreibungen, nicht um den individuellen Mann. Ein spannender Blickwinkel zwar, doch der Text von Lucien Haug bleibt an Allgemeinplätzen stehen, die in eine große Gesinnungsansprache münden. Zu viel Erklär-Seminar, zu wenig Theater.

Yael Ronen bohrt da bei "Yes but No" auf der Großen Bühne tiefer. Die israelische Regisseurin wird ihrem Ruf als Gruppentherapeutin mehr als gerecht. Und auch ihrem Talent, mit Wärme, Ironie, Sprachwitz und viel Entertainment zu inszenieren.

Wie kann es weitergehen nach #MeToo in Deutschland? Die Schauspielerin Orit Nahmias, Ronens Alter Ego auf der Bühne, schlägt einen Wechsel von der Machtherrschaft zur Kooperation vor. Aber bevor das gelingen kann, muss die schmutzige Wäsche gewaschen werden.

Lindy Larsson singt davon, die Erinnerungen auszulöschen, die mit dem Missbrauch in seiner Kindheit zusammenhängen. Gefolgt von den intimen Erlebnissen der Darsteller, die, wie in jedem Ronen-Abend, nicht Eins zu Eins erzählt werden, aber doch aus dem Probenprozess hervorgegangen sind. Die Spieler sprechen von ihren sexuellen Erkundungen als Kinder, von Masturbation, dem ersten Sex ­– und von Übergriffen, von Scham und Schuldgefühlen.

Mit dieser Fortführung der #MeToo-Bekenntnisse auf der Bühne lotet die Regisseurin bewusst die Grenzen aus, spielt mit der Betroffenheit der Zuschauer – und auch mit deren Voyeurismus, wenn Taner Şahintürk den Namen des übergriffigen Volksbühnen-Regisseurs nennt, der mit jungen Schauspielerinnen brutalen Sex geprobt haben soll: Johann Kresnik.

Diese emotionalen Tiefschläge zeigen aber auch, dass bei #MeToo eben nicht nur von einem ungewollten Klapps auf den Hintern die Rede ist. Und dass die Bewegung Konsequenzen fordert.

Nachdem dann Svenja Liesau, deren Rolle am schwersten an Schmerz und Hass trägt, unter großem Getöse den Bühnenboden auseinandergenommen hat, geht es zurück in die psychotherapeutische Praxis. Jeder wird in die Pflicht genommen, sich innerlich zu fragen: Was macht mich sexuell an? Was geht mir zu weit? Warum sage ich nicht Stopp? Wie kann ein anderer wissen, was ich mir wünsche, wenn ich es selbst nicht weiß?

Riah May Knight erklärt in einer wunderbar ironischen, souligen Musiknummer, welchen riesigen Unterschied es für eine höfliche Engländerin wie sie macht, das eindeutige Angebot eines Mannes mit "an interesting idea" oder "not a bad idea" zu beantworten.

Die Lieder vom israelischen Songwriter Shlomi Shaban werden vom Ensemble perfekt performt. Zumindest im ersten Teil ist das ein so bedrückendes wie anrührend leichtes Musical, das durchaus Ideen für eine glücklichere Beziehung zwischen den Geschlechtern anbietet.

Nach der Pause werden die Zuschauer dann selbst zur Gruppentherapie geschickt. Jeder Schauspieler leitet einen einstündigen Workshop mit Selbsterfahrungsspielchen an, um die eigenen Grenzen auszuloten.

Hier hat Frau Doktor Ronen die Tür zur Praxis dann doch mit der zur Theaterkunst verwechselt – am besten vorher schon den Ausgang suchen.

Barbara Behrendt, kulturradio

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