Hans Otto Theater Potsdam: In Zeiten des abnehmenden Lichts © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater Potsdam - "In Zeiten des abnehmenden Lichts"

Bewertung:

In seinem Roman erzählt Eugen Ruge von einer DDR-Familie über mehrere Generationen. Die Bühnenfassung des Stoffs ist nun zur Spielzeiteröffnung im Hans Otto Theater zu sehen – inszeniert von der neuen Intendantin Bettina Jahnke.

"Unterhaltung mit Haltung" lautet das Motto, das die neue Intendantin Bettina Jahnke ihrer ersten Potsdamer Spielzeit gegeben hat. Nach neun Jahren am Theater Neuss in Nordrhein-Westfalen rückt die Mecklenburgerin damit wieder ein gutes Stück Richtung Heimat und beerbt hier Tobias Wellemeyer. Zum Auftakt inszeniert die Chefin persönlich, und zwar eine Ost-Geschichte, die zum Teil sogar in Potsdam spielt: Eugen Ruges Familienepos "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Überraschend eigentlich, dass dieser Stoff nicht früher schon am Hans Otto Theater auf die Bühne gekommen ist.

Mutig

Schon mit dem ersten Bild ist die Atmosphäre des Abends gesetzt: Alexander kauert, die Knie an die Brust gezogen, auf einem düsteren Gerüst – eine Hotelfassade, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Eine musikalische Montage aus DDR-Zitaten von Walter Ulbricht über Günter Schawobwski bis Ronald Reagan folgt, gefühlvolle Musik soll in die rechte Stimmung versetzen, wenn Alexander den ersten Brief an seine Ex-Freundin vorliest.

Ein elegischer Start, der Alexander als larmoyanten Erzähler vorstellt. Immer wieder kehrt das Familienepos, das ein ganzes Jahrhundert Sowjet- und DDR-Geschichte aufblättert, nach Mexiko zurück, wo Alexander auf den Exil-Spuren seiner Großeltern nach sich selbst sucht.

Geschont hat sich Bettina Jahnke nicht: Eine neue Intendantin, die sich auch künstlerisch sofort ins Feuer stellt und die erste Saison mit einer eigenen Regiearbeit eröffnet – das ist mutig.

Jahnke hat nicht Eugen Ruges Theaterfassung seines Romans benutzt, sondern mit ihrer Dramaturgin eine eigene Version geschrieben, die der Perspektive Alexanders folgt: An ihm, der in der DDR der 1960er Jahre aufwächst und kurz vor dem Mauerfall in den Westen flieht, wird der Zerfall des Systems besonders plastisch. Eine nachvollziehbare Akzentverschiebung, denn Ruges Methode, jedes Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen, hat sich auf der Bühne als eher zäh erwiesen. Aber ausgerechnet jene Erzählpassagen, in denen Henning Strübbe, Neuzugang am Hans-Otto-Theater, leidend aus Mexiko berichtet, von Sightseeing, Straßenmusikern, Überfällen, bremsen die Inszenierung bleiern aus.

Deutlich dynamischer gelingen die dialogischen Spielszenen. Charlotte und Wilhelm, die in den 1950ern ihre Posten im neuen Staat beziehen, Sohn Kurt, der seine Eltern 1960 für deren opportunistische Linientreue kritisiert, der kleine Alexander, der seinem Opa, dem Familienpatriarchen Wilhelm, in den 1970ern Bericht über den Ausflug in die Sowjetunion ablegen muss.

Doch im zweiten Teil des Abends schwenkt Jahnke plötzlich auf Boulevardkomödie um. Nadine Nollau und Rita Feldmeier müssen als russisches Mutter-Tochter-Duo in brachialem, gekünsteltem Akzent für einen Schenkelklopfer nach dem anderen sorgen. Irina macht sich da über den Namen ihrer Schwiegertochter lustig: "Melitta" heißt sie, wie die Filtertüte.

Diese Sätze stehen zwar so auch bei Ruge. Doch anders als Jahnke stellt er seine Figuren nie aus, seine Komik entwickelt sich aus der Innensicht, aus dem Mitgefühl mit diesen Unglücklichen. Wenn Rita Feldmeier (renommiertes, langjähriges Ensemble-Mitglied) ihre Nadjeshda Iwanowna, Urgestein der Familie, mit geschürzten Lippen und Kulleraugen Naivitäten über die DDR herausplappern lässt, ist das geradezu das Dementi der Lebensgeschichte dieser wunderbaren russischen Großmutter.        

Rar sind die Momente, in denen man die Härte der politischen Konflikte spürt und den Willen der Mecklenburger Regisseurin, wirklich zu erfragen, wie wir wurden, was wir sind.

Hans Otto Theater Potsdam: In Zeiten des abnehmenden Lichts © Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Nicht begeistert, aber wohlwollend

Als Regisseurin kann Bettina Jahnke so noch keine ästhetischen Maßstäbe für Potsdam setzen. Doch als Intendantin macht sie bislang einen guten Eindruck: Sie setzt sich dezidiert für Frauenförderung ein, stellt Klassiker neben neue Stücke, sie will mit den Potsdamern an der Bürgerbühne Theater spielen, das Theater am See zum Theater in der Stadt machen. Also eine Publikumsnähe herstellen, die man ihrem Vorgänger immer abgesprochen hat. Erst die nächsten Jahre werden zeigen können, wie sich das Theater unter ihrer Leitung entwickelt. Die Potsdamer schienen die neue Intendantin am Eröffnungsabend nicht unbedingt begeistert zu beklatschen – aber durchaus freundlich und wohlwollend.

Barbara Behrendt, kulturradio

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