Larissa Marolt bei der Fotoprobe zum Theaterstück Jedermann in der St. Nikolaikirche in Potsdam; © imago/Gartner
imago/Gartner
Bild: imago/Gartner Download (mp3, 4 MB)

Nikolaikirche Potsdam - Hugo von Hofmannsthal: "Jedermann"

Bewertung:

"Jedermann" ist das meistaufgeführte Theaterstück in deutscher Sprache. Konzipiert ursprünglich für die Salzburger Festspiele, hat sich dieses Mysterienspiel "vom Sterben des reichen Mannes" zu einem Exportartikel entwickelt – ähnlich dem Münchner Oktoberfest.

Es handelt sich nicht um eine Produktion des ortsansässigen Hans Otto Theaters, sondern um eine Inszenierung der Volksbühne Michendorf. Beteiligt sind neben Mitgliedern dieses semiprofessionellen Ensembles etliche Alt-Stars, "bekannt aus Funk und Fernsehen". Allen voran der 97-jährige Herbert Köfer, der seit dem Tod von Johannes Heesters als der weltweit älteste arbeitende Schauspieler gilt. Außerdem waren u.a. Ex-Quizmaster Max Schautzer und Dorit Gäbler dabei, die ja vor allem auch als Chansonsängerin einen großen Namen hat.

Auch die Hauptrolle war mit einem Fernsehstar besetzt, nämlich Timothy Peach, bekannt aus diversen Serien wie "Der Bulle von Tölz" oder "Der Landarzt" – also eine recht illustre Besetzung. Dazu kam der Organist und Kantor der Nikolaikirche Björn O. Wiede, der er an der kürzlich neu eingebauten großen Orgel der Firma Kreienbrink aus Osnabrück spielte.

Chance vertan

Regisseur Christian A. Schnell hat aus dem Klassiker nichts Unerwartetes oder gar Besonderes gemacht. Seine Inszenierung ist absolut "werktreu". Die Protagonisten tragen zwar Kostüme aus der Zeit Hofmannsthals, also vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Handlung wird aber eins zu eins erzählt, es gibt keinerlei Bezüge zu unserer Zeit, was angesichts des aktuellen Themas Reichtum und Moral durchaus interessant wäre.

Die Ausstattung ist spärlich und eher phantasielos: ein Tisch, ein paar Stühle. Dazu gibt es Videoprojektionen in den Chorraum der Kirche hinein. Alles in allem also sehr konservatives Theater. Das mag in Zeiten, in denen einzelne Politiker eine "konservative Revolution" herbeireden, wahrscheinlich dem Zeitgeist zu entsprechen, ist aber im Ergebnis pure Langweile.

Und auch Björn O. Wiede an der Orgel schaffte es nicht, für Abwechslung zu sorgen, da man ihn lediglich an drei Stellen im Stück hat spielen lassen. Am Anfang durfte er eine Art Ouvertüre spielen, in Form eines sehr populären Orgelwerks, des Finales aus der "Suite Gothique" des französischen Komponisten Leon Boëllmann. Dann durfte er während der Gelageszene den "Libertango" von Astor Piazolla intonieren und zum Schluss, als Jedermann gerettet in den Himmel auffährt, noch sage und schreibe drei Töne spielen. Das war alles. Leider.

Da wurde eine Chance vertan, denn man hätte die Schlüsselszenen im Stück durchaus mit der Orgel intensivieren können, Stichwort: Melodram. Bedauerlich war auch, dass die Protagonisten allesamt mit Mikroport agiert haben, wie man es eigentlich eher von Musicals kennt. Nun mag die akustische Situation in der Nikolaikirche nicht einfach sein, aber es sind Profis am Werk, die eine hervorragende Diktion haben.

Die schauspielerischen Leistungen waren durch die Bank ordentlich und solide. Timothy Peach spielt den "Jedermann" so, wie man ihn sich vorstellt – ohne Überraschungen, aber sehr charaktervoll und ausdrucksstark. Auch Dorit Gäbler in der Rolle von Jedermanns Mutter war schauspielerisch perfekt. Der 97-jährige Herbert Köfer rief natürlich besondere Reaktionen hervor. Schon bei seinem ersten Auftritt als Bettler ging ein sprichwörtliches Raunen durch die Kirche. Er bekam mehrfach Szenenapplaus.

Fazit: Im Ensemble gibt es keine Ausreißer, alle spielen gut. Aber eben in einer durch und durch werktreuen Inszenierung. Wer das mag, wird bei diesem "Jedermann" auf seine Kosten kommen ...

Claus Fischer, kulturradio

Weitere Rezensionen