Saisonauftakt Staatsballett Berlin: Celis / Eyal © Jubal Battisti
Bild: Jubal Battisti

Komische Oper - Saisonauftakt Staatsballett Berlin: "Celis / Eyal"

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Klar am Zeitgenössischen Tanz ausgerichtet. Ein gewagter Auftakt für das neue Staatsballett unter der Leitung von Johannes Öhmann. Gelungen?

Alles neu beim Berliner Staatsballett. Mit Johannes Öhmann und im kommenden Jahr Sasha Waltz neue Intendanten mit neuer Programmatik, dazu viele neue Tänzer und nun auch neue Choreografen, die bislang noch nicht mit dem Staatsballett gearbeitet haben. Zur Saisoneröffnung mit Stijn Celis und Sharon Eyal. Gestern war Doppel-Premiere in der Komischen Oper Berlin.

Saisoneröffnung als Wagnis - Kein Abend für Traditionalisten

Das Staatsballett, das zwei bewegte und schwere Jahre hinter hat, ist mit einem Doppelabend in die neue Zeit gestartet, der die verkorksten Jahre unter Nacho Duato vergessen lässt. Dieser Abend ist ein Wagnis, nichts für Traditionalisten, vom Klassischen Ballett denkbar weit entfernt, ist also auch ein Statement nach den Querelen um den vorzeitigen Abschied von Duato, nach den heftigen Diskussionen über Ballett contra Zeitgenössischen Tanz und v.a. über die Ernennung von Sasha Waltz zur Co-Intendantin. Dieser Startschuss, diese Visitenkarte für das neue Staatsballett ist pur zeitgenössisch und mit der Choreografie "Half Life"von Sharon Eyal auch wie erwartet sehr radikal.

Saisonauftakt Staatsballett Berlin: Celis / Eyal © Jubal Battisti
Bild: Jubal Battisti

Sharon Eyal & Gai Bahar: "Half Life"– Tanz androgyner Automaten

Sharon Eyal hat wieder ein Maschinen-Ballett auf die Bühne gebracht, monoton trippelnde und zuckende Tänzerinnen und Tänzer zu brachialer monotoner Techno-Musik – ein Androiden-Tanz, ein Tanz androgyner Automaten.

Die Tänzer in knappen zumeist hautfarbenen Slips und Trikots ruckeln und zuckeln in mechanisch-harten, geometrisch gezirkelten, immer gleichen Bewegungen – die Körper in totaler Voll-Spannung, fast verkrampft, jeder Muskel sichtbar angespannt, nichts weiches, fließendes, nur robotergleiche, stupide Wiederholung mit minimalen Variationen.

Fast durchweg tanzen alle in einer uniformen Masse, synchron und doch mit kleinen individuellen Ausprägungen und nur durch Raum-Verschiebungen einzelner Tänzer inszeniert Sharon Eyal Verdichtungen und Auflösungen dieser Tänzer-Masse - die Automaten ruckeln zusammen und wieder auseinander.

Exzessiver Tanz von extremer Künstlichkeit nah am Grotesken

Faszinierend sind die Radikalität der Reduktion und die Verausgabung, die dieser Tanzstil fordert - das ist eine extreme Kraft-Anstrengung für die Tänzer, die sich im Spannungsfeld zwischen absoluter Kontrolle und völliger Hingabe bewegen müssen. Durch die Anleihen beim Voguing-Tanz-Stil kommt zur Techno-Club-Atmosphäre noch eine laszive Erotik hinzu – wenn die Becken vorstoßen, die Hüften schwingen, die Köpfe wie im Rausch hin und her rollen und schwingen, Oberkörper, Bauch und Brust ausgewölbt oder eingezogen werden, Arme und Hände gespreizt in die Luft stechen oder die Köpfe umflattern. Ein Tanz nah am Grotesken, von extremer Künstlichkeit und eisiger Strenge, exzessiv und ekstatisch.

Bis an die Grenze zur Erschöpfung – Standing Ovations

Die Staatsballett-Tänzer, darunter etliche der Neu-Engagierten, machen das bis an die Grenze der Erschöpfung gut, wenn auch nicht so kalt-mechanisch wie die Tänzer der Compagnie von Sharon Eyal und Gai Behar.

Dieses Stück ist eine Weiterentwicklung der drei Choreografien von Sharon Eyal und Gai Behar, die in Berlin und Potsdam bereits zu sehen waren: 2012 beim Tanz im August und 2015 bei der Eröffnung der Potsdamer Tanztage, was als besonders herausragend in Erinnerung geblieben ist. Das Publikum hat diese technoide Leiber-Maschinerie zu Recht mit Jubel und Standing Ovations angenommen.

Saisonauftakt Staatsballett Berlin: Celis / Eyal © Jubal Battisti
Bild: Jubal Battisti

Stijn Celis: "Your passion is pure joy to me"– Nick-Cave-Melodramatik

Im ungerechten Vergleich zu Sharon Eyal wirkt die kurze, halbstündige Choreografie von Stijn Celis fast bieder. Celis hat vier melancholisch-melodramatische und klavier- und streicher-gesättigte Klage-Songs von Nick Cave und kurze, zerrissene Klangflächenfetzen von Pierre Boulez und Krzystof Penderecki genutzt für eine elegante und turbulente Meditation über Leid und Trost – über die Frage, wo Trost und Halt, wo Frieden zu finden sein könnten.

Celis hat keine vordergründige Tragik inszeniert, sondern Tänzer, die in Jeans und T-Shirt authentisch persönlich, geradezu privat wirken und die in einem eher diffusen Leiden an der Welt, vielleicht an sich selbst festzustecken scheinen.

Sehnsucht, Verlangen und Scheitern

Sein Tanz erzählt ohne dabei literarisch oder lyrisch zu werden von Sehnsucht und Verlangen, von einem Streben nach dem oder den anderen und v.a. vom Scheitern – denn welche Paare sich hier auch immer finden, sie stoßen sich schnell wieder ab, finden nicht auf Dauer zueinander.

Am stärksten ist dieser Tanz in den solistischen Szenen, Duo- und Gruppen-Szenen sind weniger überzeugend und eine gewisse Beliebigkeit und ein gewisses Dahinplätschern sind nicht zu leugnen – aber das Publikum hat diese Choreografie sehr freundlich entgegen genommen.

Saisonauftakt Staatsballett Berlin: Celis / Eyal © Jubal Battisti
Bild: Jubal Battisti

Gewagter Auftakt für das neue Staatsballett

Alles in allem ein wirklich gewagter Auftakt für das neue Staatsballett unter der neuen Leitung von Johannes Öhmann und im nächsten Jahr Sasha Waltz. Öhmann, der in den letzten Monaten sehr oft in der Berliner Tanzszene gesehen wurde, der sich also einen Eindruck über das in Berlin Übliche verschafft hat, kannte zwar Celis und Eyal aus seinen Jahren in Schweden und beide Arbeiten sind auch keine Uraufführungen – das wäre wohl doch zu viel Risiko gewesen. Aber nach all dem Streit über die Frage, ob das Klassische Ballett beim Staatsballett eine Zukunft haben würde, mit einem derart klar am Zeitgenössischen Tanz ausgerichteten Abend in die neue Zeit zu starten, das ist mutig und zum Glück gelungen.

Frank Schmid, kulturradio

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