Daniel Barenboim, Staatskapelle Berlin; © Holger Kettner
Holger Kettner
Bild: Holger Kettner Download (mp3, 4 MB)

Philharmonie Berlin - Musikfest Berlin: "Merci à Pierre Boulez"

Bewertung:

Ein im ersten Teil eindrucksvolles und magisches Eröffnungskonzert des Musikfestes Berlin.

Eine riesige Partitur thront angeleuchtet auf einer fast leeren Bühne, der Blick schweift, weitere angeleuchtete Notenständer im Rund der Philharmonie. Acht Gruppen von Spielern der Staatskapelle sind im Saal verteilt, das allein strahlt schon eine gewisse Magie aus.

Daniel Barenboim erklärt dann fast 20 Minuten in recht chaotischer Form die Musik von Boulez' "Rituel". Hier könnte eine professionelle Vorbereitung entscheidend helfen und konzentrieren. Das Wesentliche kommt nur indirekt zur Sprache, erklingt aber dann sehr nachvollziehbar und klar im Rund: unerbittliche Zeit der Schlagzeuger und des Gongs auf der Bühne, genau geregelt, trifft auf frei gestaltete Zeit in großen Wellen durch den Raum klingend.

Bewundernswert die Einschwingung der Musiker, die ja fast ohne den Dirigenten auskommen müssen, der nur die Einsätze der Gruppen koordiniert. Zirkuläre Zeit ist die Hoffnung der Musik auf ein Weiterleben.

Ein ganz anderes, knechtendes Ritual ist der "Sacre" Stravinskys. Ein Gegenmodell zu Boulez' Versuch, den Regeln Freiheit abzugewinnen. Hier beschränkt sich Barenboim ebenfalls auf kurze Impules, den Reset sollen die Musiker dann schon machen. Können sie auch zum großen Teil, formidable Soli, tolle Effekte. Aber das Wichtigste fehlt: die untergründige Angst, der Sog der Gewalt, das Unausweichliche vom ersten Ton bis zum letzten. Hier war Daramaturgie nur Zufall.

Clemens Goldberg, kulturradio

Weitere Rezensionen