Schaubühne am Lehniner Platz: Die Wiederholung © Hubert Amiel
Hubert Amiel
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Die Wiederholung"

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Kann man Gewalt und traumatische Ereignisse auf die Bühne bringen? Mit dieser Frage beschäftigen sich Milo Rau & Ensemble derzeit an der Schaubühne Berlin.

Als der Schweizer Theatermacher Milo Rau 2016 den Fall des belgischen Kindermörders Marc Dutroux mit Kindern auf die Bühne brachte, sorgte das für einen kalkulierten Skandal – aber der Abend stellte seine Mittel so klug infrage, dass er zur Inszenierung des Jahres gekürt und zum Theatertreffen eingeladen wurde. Auch mit dem Genozid in Ruanda und dem Bürgerkrieg im Kongo hat der politische Autor und Regisseur sich beschäftigt.

An der Schaubühne gastiert nun zum Saisonauftakt seine neue Produktion "Die Wiederholung". Auch hier wird ein historischer Fall rekonstruiert: der brutale Mord an einem homosexuellen jungen Mann 2012 in Lüttich.

Schaubühne am Lehniner Platz: Die Wiederholung © Hubert Amiel
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Rekonstruktion des Verbrechens

Das Verbrechen wird auf der Bühne nachgestellt, "wiederholt", doch erst zum Ende des fast zweistündigen Abends. Bis dahin werden viele Fragen verhandelt, die auf zwei Ebenen angelegt sind. Eine Ebene untersucht den Kriminalfall: Wie konnte es dazu kommen, dass der junge Mann mit marokkanischen Wurzeln, Ihsane Jarfi, überhaupt zu seinen Mördern ins Auto steigt – nachdem er gerade ein Mädchen vor diesen zwielichtigen Typen beschützt hat.

Es ist die Rekonstruktion des Verbrechens seitens der Angehörigen. Man erfährt, dass die Mutter am Tag nach dem Mord Geburtstag hatte und sich sorgt, warum ihr Sohn nicht anruft. Dass Ihsanes Ex-Freund sich die Fotos der gefolterten Leiche im Gerichtssaal ganz bewusst ansieht, um den Freund in seiner Todesqual nicht noch einmal allein zu lassen.

Die zweite Ebene verhandelt die Frage: Wie kann Gewalt auf der Bühne dargestellt werden? Das ist Raus Kernanliegen, es lässt die Inszenierung zum diskursiven Theaterlabor werden. Der Raum ist dafür wie eine Probebühne eingerichtet, Tische mit Bechern und Papieren, darüber eine große Leinwand. Hier stellen die drei belgischen Schauspieler ihre Casting-Gespräche mit den beiden Laien aus Lüttich nach, die an der Inszenierung beteiligt sind. Sie sind großartig: Der Rentnerin Suzy Coco steht ihre Lebensklugheit im Gesicht; Gabelstaplerfahrer Fabian Leenders könnte jeden Bösewicht geben – bis er zu lächeln beginnt und ihm der Schalk aus dem Nacken blitzt. Mittels ihrer Biografien eröffnet sich ein Bild vom abgehängten Lüttich und seiner hohen Arbeitslosigkeit – die womöglich auch ein Grund für den brutalen Mord war: Die Täter waren alle arbeits- und chancenlos.

Milo Rau lässt Szenen anspielen, vorproduzierte Videos sollen einen ins Geschehen ziehen – dann aber dekonstruiert er diesen Realismus wieder, macht Metatheater, legt alle Mittel offen, fragt nach dem Sinn von Theater.

Rau ist seit dieser Spielzeit Intendant des Theaters NT Gent. Hier hat er nun sein "Genter Manifest" verabschiedet, das den Weg zu einem "Stadttheater der Zukunft" weisen soll. Der erste Punkt des Manifests lautet, das Theater dürfe nicht nur darstellen, sondern müsse durch seine Darstellung die Realität verändern. Durch die Rekonstruktion des Verbrechens, durch das Begreiflichmachen aller Sinnlosigkeit und Banalität dieses Mordes möchte der Regisseur das Grauen bannen. Seine Wiederholung in der Wirklichkeit unmöglich machen. Und er will die Rolle des Publikums verhandelt wissen: Warum schaut jemand zu? Wann engagiert er sich?

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Seltsame Gewichtung

Nach allem weitschweifigen Metatheater steht zuletzt die hollywoodeske Feier der Grausamkeit. Hier zieht Rau alle Affekt- und Effekt-Register. Ein grauer Polo wird auf die Bühne gerollt, die Gesichter der drei finsteren Typen auf den Sitzen werden in Close-Ups auf die Leinwand geworfen, Regen plätschert, minutenlang wird das Opfer brutal zusammengeschlagen, Blut fließt, auf das Opfer wird uriniert. Das ist heftig und wirkungsstark, das Publikum starrt gebannt auf die Bühne. Doch ist es pure Show, Kino, wir bleiben Voyeure der Gewalt, die der Regisseur zelebriert – auch wenn er die Mittel dieses Exzesses vorher offen gelegt hat.

Ishanes Leben, das Leben des Opfers, ist dagegen nicht aufgefächert worden – nichts wissen wir von ihm, außer seiner sexuellen Orientierung. Ausgerechnet er bleibt gesichtslos. Eine seltsame Gewichtung.

Auch in Thomas Ostermeiers letzter Arbeit an der Schaubühne "Im Herzen der Gewalt" stand die Rekonstruktion eines Verbrechens im Zentrum. Doch bei Ostermeier ist die Frage nach der Darstellbarkeit von Gewalt ganz in der Geschichte aufgehoben. Milo Rau verhandelt sie seminaristisch und hantiert  mit gigantischem theoretischen Überbau. Diesmal sieht er seine Arbeit gar im Geiste von Jean-Luc Godards "Histoire(s) du cinema". Auf der Bühne bleiben die Dutzenden Fragen nach Theater, Spiel, Realität aber nebulös.

Barbara Behrendt, kulturradio

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