"The Factory"; © David Baltzer
Agentur Zenit/David Baltzer
Bild: Agentur Zenit/David Baltzer

Volksbühne Berlin - "The Factory"

Bewertung:

Nach dem großen Erfolg von "While I was waiting" und "Iphigenie" setzen der Dramatiker Mohammad Al Attar und der ebenfalls aus Syrien stammende Regisseur Omar Abusaada ihre Zusammenarbeit  fort. In "The Factory" geht es um eines der verstörendsten Gesichter des Krieges: das Bündnis von Geld und Macht.

Das Räuberrad steht wieder vor der Tür – und an der Berliner Volksbühne wird nach dem raschen Ende der Intendanz von Chris Dercon längst wieder Theater gespielt. In der neuen Saison unter dem Interimsintendanten Klaus Dörr hatte nun ein Stück der syrischen Theatermacher Mohammad Al Attar und Omar Abusaada Premiere, die unter Dercon schon ihr Doku-Theaterstück "Iphigenie" inszeniert haben. Jetzt folgt "The Factory" – ebenfalls Dokumentartheater über den Ableger einer französischen Zementfabrik in Syrien, die dort noch bis 2014, also mitten im Krieg, produziert hat.

"The Factory"; © David Baltzer
Bild: Agentur Zenit/David Baltzer

The Factory

"The Factory" ist eine Dependance des mächtigen französischen Baustoffkonzerns Lafarge, gegen den in Frankreich 2017 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist, da der Konzern in Nordsyrien zwischen 2011 und 2014 Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen verübt haben soll. Er hat dort weiter produzieren lassen, während sich alle anderen internationalen Konzerne längst zurückgezogen hatten. Millionen Dollar sollen an verschiedene Kriegsparteien und den IS geflossen sein, Mitarbeiter wurden vom IS entführt – die Firma hat's nicht interessiert. Die Kriegsfront rückte im Sommer 2014 immer näher, doch wer fliehen wollte oder auch nur einen Tag nicht zur Arbeit erschien, verlor seinen Job und damit jede Lebensgrundlage. Bis zum Tag, an dem der IS die Fabrik erobert hat, wurde bei Lafarge gearbeitet.

Anliegen des Abends

Schon zu Beginn tritt der Angestellte Ahmad auf die Bühne und benennt das zentrale Anliegen des Abends: "Die Welt soll erfahren, dass die Fabrik eine Miniatur war: von Syrien und allem, was dort geschieht." Seine Anklage: Die Verwicklungen zwischen Weltwirtschaft und Kriegsverbrechen seien prototypisch. Nur exemplarisch will die Inszenierung die Vorgänge in der Fabrik rekonstruieren – wichtiger soll die Frage sein, welche Interessen diesen Krieg seit Jahren befeuern.

"The Factory"; © David Baltzer
Bild: Agentur Zenit/David Baltzer

Die Figuren

Anders als beim Vorgängerabend "Iphigenie" stehen bei "The Factory" keine Laien auf der Bühne, sondern vier Schauspieler. Der bereits erwähnte Ahmad verkörpert den redlichen Fabrikarbeiter, das Opfer der Verhältnisse. Daneben lernen wir Firas kennen, einen syrischen Geschäftsmann, dessen Vater das Assad-Regime mitaufgebaut hat und dem Teile der Fabrik gehören. Amr dagegen ist ein syrisch-kanadischer Unternehmer, der ebenfalls in die Machenschaften des Konzerns verwickelt ist. Zentrale Figur ist jedoch die französisch-algerische Journalistin Maryam, die die Recherche über Lafarge in Frankreich überhaupt erst ins Rollen gebracht hat.

Doku-Theater-Monologe

Auf der Bühne stehen sie alle vor einer massiven Betonrotunde mit Einschusslöchern – Symbol für die Zementfabrik, jedoch auch für den gefährlichen Grenzwall zwischen Syrien und der rettenden Türkei. Wenn die Wände der Rotunde aufklappen, dienen sie als Projektionswände für Landkarten und Videoclips.

Die Spieler selbst stehen zumeist an der Rampe, stellen dem Publikum ihre Figur vor und erzählen deren Version der Geschichte – oft mit allerlei Details, die eher verwirren, statt Strukturen offen zu legen. Gesprochen wird Arabisch, als europäischer Zuschauer hat man pausenlos Übertitel zu verfolgen. Es sind klassische, um Aufklärung bemühte Doku-Theater-Monologe – Spielszenen und Dialoge bleiben Beiwerk. Ästhetisch ist das nicht bemerkenswert, doch redlich gearbeitet.

Die Schlussszene

Die Schlussszene entwickelt sich dann zum emotionalen Höhepunkt des Abends. Hier rekonstruiert Ahmad mit Tränen in den Augen, wie er sich am Tag, bevor der IS die Fabrik stürmt, auf den Weg zur Arbeit macht. Massen von Menschen kommen ihm entgegen, alle auf der Flucht. Sie erklären ihn für verrückt, dem IS entgegenzugehen. Selbst sein Taxifahrer bittet ihn inständig, doch wieder mit zurückzufahren. Eine Stunde, bevor die Terroristen die Fabrik einnehmen, gelingt Ahmad noch die Flucht. Das ist eindrücklich erzählt und geht unter die Haut. Nur: Warum Ahmad dieser Job mehr Wert ist als sein Leben, als seine Familie und seine Kinder, will nicht richtig einleuchten.

"The Factory"; © David Baltzer
Bild: Agentur Zenit/David Baltzer

Eindimensional

Weil Ahmad so durch und durch Opfer bleibt, während die anderen Figuren durch und durch als Täter dargestellt werden, bleibt der Abend insgesamt eindimensional. Die Geschäftsmänner sind so offensichtlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht, auch die Journalistin ist es, dass man hier keinen Menschen begegnet, sondern typisierten Handlangern des Systems. Das wird schon in der ersten Szene deutlich, als "die Bösen" mit weißer Maske auf die Bühne treten, die ihre Gesichter versteinert  – nur Ahmad trägt keine Maske, er bleibt "der Gute", der Unschuldige.

Nur allzu verständlich, dass die syrischen Theatermacher empört sind über die Kriegsverbrechen in ihrem Land, an denen Europa eine große Mitschuld trägt. Da sie jedoch keine ausdifferenzierte Analyse der Verwicklungen aufzeigen, sondern Opfer gegen Täter gruppieren, ist man am Ende zwar diffus betroffen – aber nicht wirklich klüger.

Barbara Behrendt, kulturradio

Weitere Rezensionen

Berliner Ensemble: Die Verdammten © Matthias Horn
Matthias Horn

Berliner Ensemble - "Die Verdammten"

Eine Industriellen-Familie vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus: In seinem Film  inszenierte Regisseur Luchino Visconti Dekadenz und Selbstzerstörung als Tableau. Mit welchem Erfolg David Bösch "Die Verdammten" nun als Theaterstück ans Berliner Ensemble bringt, weiß Barbara Behrendt.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: