Fotoprobe für das Tanzstück Alice im Wunderland im Staatstheater Cottbus
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Staatstheater Cottbus - "Alice im Wunderland"

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Das weiße Kaninchen und die Grinsekatze, der verrückte Hutmacher und die Herzkönigin, das Mädchen Alice, das im Kaninchenbau eine wundersame Welt entdeckt – "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll hat schon viele Generationen verzaubert.

In Kinofilm, Theater, Oper, Pop-Musik und auch im Tanz ist diese Geschichte oft neu erzählt worden. Und so nun auch in Cottbus. Das Ballett des Staatstheaters Cottbus, seit kurzem ein Vierspartenhaus, hat am Wochenende eine Neu-Fassung von "Alice im Wunderland" zur Premiere gebracht, in der Choreografie von Torsten Händler.

Emanzipationsgeschichte – märchenhaft, phantastisch

Händler geht die berühmte Geschichte sowohl realistisch als auch traumwandlerisch an und erzählt eine Emanzipationsgeschichte mit Ausflügen ins Märchenhafte, Phantastische und in Drogenwelten. Etwa mit dem psychedelischen Rocksong "White Rabbit" von Jefferson Airplane als Rahmen und mit einer nicht allzu deftigen, vielleicht wie im Song von diversen Pilzen inspirierten erotischen Orgie. Der auf die einzelnen Szenen abgestimmte Collage-Soundtrack von Steffan Claußner changiert zwischen Pop- und Schlager-Klassikern und anheimelnder Neo-Klassik.

Torsten Händler erzählt mit kleinen Abweichungen vom Original psychologisch-dramatisch wie Alice erwachsen wird und er stellt neben einer fulminant-kuriosen Herzkönigin eine Liebesgeschichte in den Mittelpunkt.

Herzerwärmende Liebesgeschichte

Hier dürfen Alice und der Herzbube eine zarte, herzerwärmende Liebesgeschichte erleben. Venira Welijan ist als Alice zuckersüß in ihrer Schüchternheit und in der Überwältigung durch die großen Liebesgefühle. Durchaus verständlich bei ihrem Partner Stefan Kulhawec, der ein strammer Prinz ist und auch als Held Siegfried überzeugend wäre.

Die beiden sind ein hinreißend unschuldiges Liebespaar, erglühen nach vorsichtiger Annäherung in anmutig duftiger erster großer Liebe. Bis der Herzbube seine Alice enttäuscht, weil er in Untertanengeist der Herzkönigin folgt und einen süßen kleinen Igel, verkörpert von einem Ballettschüler, töten will – "Kopf ab!" sagt die Herzkönigin und der Herzbube folgt ihr.

Hier sind wir bei der Emanzipationsgeschichte. Alice kämpft wie eine junge Löwin um den Kleinen, widersetzt sich der tyrannischen Herzkönigin und muss ihren Geliebten voller Enttäuschung und mit Herzschmerz von sich weisen – aus dem Backfisch-Mädchen ist eine selbstbestimmte junge Frau geworden, die der scheinbar absoluten Macht trotzt und konsequent bei sich selbst bleibt.

Die Herzkönigin - Travestienummer

Der Herzkönigin gönnt Torsten Händler einen fulminanten Auftritt in einer Travestienummer. Andrea Simeone ist im roten Anzug und auf abenteuerlich hohen High Heels eine beängstigende Königin, selbstverliebt und gnadenlos in ihrer Herrschsucht – diese Kopf-ab-Königin hätte das Zeug zum Kinder-Albtraum, wenn das nicht eine Choreografie für Erwachsene wäre.

Simeone gelingt das Kunststück, eine überdrehte und furchterregende Transe zu sein, ohne seine Figur zu verraten, lächerlich zu machen. Sein Travestieauftritt und die Liebesgeschichte sind das Herzzentrum dieser Choreografie, die Händler klug in eine Rahmenhandlung setzt.

Rahmenhandlung – die junge und die alte Alice

Eine Rahmenhandlung, in der Alice sich selbst als alter Frau begegnet. Zu Beginn räumt die alte Alice wehmütig, traurig und einsam lauter Spielzeugkreisel von der Bühne, am Ende begegnet die junge Alice ihrem älteren Ich.

Eine Szene wie als Trost und Hoffnungsschimmer, denn die junge Alice holt aus ihrer Phantasie all die verrückten Figuren auf die Bühne und bringt ihr altes Ich zum verträumten Lächeln. Auch als Erwachsene musst du dir das Kind in dir bewahren – so die Botschaft dieser Rahmenhandlung.

Mischung aus Realem und Irrealem

Torsten Händler hat seine "Alice" ganz Lewis Carroll entsprechend als eine Mischung und Spiegelung aus und von Realem und Irrealem inszeniert. Alice gerät hinter dem Bühnenvorhang in eine verrückte, unlogische Welt, die sie nicht versteht und von der sie auch als Fremde ausgestoßen wird. Die Andere, die Fremde darf hier nicht sein und nicht bleiben – auch das ist eine Botschaft dieser Choreografie.

Das Bühnenbild ist wie ein riesiges Kinder-Aufklappbilderbuch gestaltet, ebenso einfach wie sinnvoll und sinnlich – ständig klappen Türen, Fenster, Löcher in den Wänden auf, durch die Grinsekatze, verrückter Hutmacher oder rauchende Raupe auftreten. Um sie als Figuren zu charakterisieren, setzt Händler v.a. auf körpersprachliche Bewegungsformen: Der Hutmacher ist ein steifer Geck mit Zylinder, die Grinsekatze schleichende Ungewissheit, eine süße Gefahr.

In Figurenzeichnung und Handlung bleibt Händler jedoch rätselhaft und mehrdeutig, um das völlig Andere, die sinnlose, unlogische Fantasterei des Ganzen zu betonen – wie Alice wird auch uns Zuschauern nicht immer klar, was diese verrückten Figuren da treiben.

Überraschend, phantasie- und liebevoll

Diese Cottbusser "Alice im Wunderland" ist eine sinnvolle eigene Deutung mit einfachen Mitteln erzählt. Der Tanz ist von eher zweitrangiger Bedeutung und Qualität, eine Art literarischer Tanz, der auf Darstellung, fast Pantomime setzt und in Bewegungserfindung und -variation eher blass bleibt, der jedoch den Tänzern die Chance gibt, die Geschichte mit Emotionen zu unterfüttern und darzustellen. Eine Chance, die sie hervorragend nutzen.

Das ist ähnlich wie schon bei Torsten Händlers erster Cottbusser Choreografie "Ein Tag bei Norma" vor genau zehn Jahren ein psychologischer Realismus mit magischen Elementen – kurzweilig, immer wieder überraschend, sehr phantasievoll und liebevoll und mit einigen humoristischen Elementen.

Das ist gute und kluge Unterhaltung – vom Publikum zu Recht mit großem Beifall und Jubel bedacht.

Frank Schmid, kulturradio

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