Tanz im August | Tanztheater Wuppertal Pina Bausch | Alan Lucien Oyen: Neues Stück 2 © Mats Bäcker
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Tanz im August | Volksbühne Berlin - Tanztheater Wuppertal Pina Bausch | Alan Lucien Oyen: "Neues Stück 2"

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An diesem Wochenende geht der Tanz im August, das Internationale Tanzfest Berlin zu Ende und das mit einem Höhepunkt, mit dem Gastspiel des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch in der Berliner Volksbühne.

Erst vor kurzem hatte ja die Compagnie der berühmtesten deutschen Choreografin für Aufsehen gesorgt, mit dem Skandal um die fristlose Kündigung der Intendantin Adolphe Binder. Beim Tanz im August ist nun die jüngste Produktion zu sehen "Neues Stück 2", die Choreografie des Norwegers Alan Lucien Oyen.

Nicht der erhoffte Höhepunkt – eine herbe Enttäuschung

Leider jedoch war dieser Abend nicht der erhoffte Höhepunkt des Tanzfestivals sondern eine herbe Enttäuschung. Oyen, der in Norwegen als einer der aufstrebenden jüngeren Künstler gilt, ist es nicht gelungen, das Erbe von Pina Bausch anzunehmen und zugleich abzuschütteln und dem Tanztheater Wuppertal den dringend benötigten Entwicklungsschub zu geben. Vielleicht ist die Erb-Last zu groß gewesen, vielleicht hat er den wunderbaren alten Tänzerinnen und Tänzern nicht ausreichend vertraut, vielleicht reicht auch sein Talent schlicht nicht aus – jedenfalls hat er einen quälenden 3,5 Stunden langen Abend inszeniert, viele Zuschauer sind schon zur Pause gegangen.

Tanz im August | Tanztheater Wuppertal Pina Bausch | Alan Lucien Oyen: Neues Stück 2 © Mats Bäcker
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Dutzende Schauspiel-Szenen über den Tod, das Sterben, das Weiterleben

Alan Lucien Oyens Inszenierung ist eine Art Lamento aus dutzenden Schauspiel-Episoden, Geschichten über den Tod, das Sterben, das Weiterleben – natürliche Tode, Morde, Selbstmorde, Trauer und Abschied – lauter Kurzgeschichten, immer nur knapp angerissen, nicht auserzählt und nicht in die Tiefe gehend. Die Tänzerinnen und Tänzer erzählen Erinnerungen an verstorbene Geschwister, Väter, Mütter – über allem liegt eine zähe, träge Stimmung, die gern melancholisch oder existenziell wäre, aber nur rührselig ist, so dramatisch die einzelnen Schicksale auch sein mögen. Alles ist gefällig arrangiert, Oyen dürfte einen poetischen Realismus im Sinn gehabt haben, landet jedoch in Sentimentalität. Zusätzlich wird über alles eine auf Dauer enervierende musikalische Sauce gegossen, v.a. neoklassische Musik von dahinplätschernder Belanglosigkeit.

Tanz ist nur Dekor, schmückendes Beiwerk

Auch die Bedeutung und Funktion des Tanzes in dieser Inszenierung enttäuschen. Es wird sehr selten getanzt und wenn, dann fast ausschließlich solistisch und ohne Verbindung zu den Erzählungen und Schauspiel-Szenen. Der Tanz ist nur Dekor, schmückendes Beiwerk und stilistisch unerheblich, ist weder dramatisch noch erzählerisch noch psychologisch oder abstrakt, ist nur lyrisches Stimmungsbild-Gespreize, das prätentiös wirkt.

In nur einer einzigen Szene entsteht in organischer Weise aus gesprochenem Text eine Tanzszene, die hinreichend reizvoll ist – ein Männer-Duett, eine getanzte Double-Bind-Beziehung – leider ebenso schnell wieder vorbei wie alles andere, dabei war dies der richtige Ansatz.

Schmerzpunkte, Relevanz, Dringlichkeit

Alan Lucien Oyen hat Dutzende Miniatur-Szenen aneinander gereiht, ein Spannungs- oder Entwicklungsbogen fehlt. Die Bühne wird zwar ständig umgebaut, ständig entstehen neue kleine Räume, alle wie die Kostüme ungefähr in den 1950-er und 60er Jahren verhaftet – aber diese dutzenden Bühnenbilder können die Leere nicht überdecken. Und auch die Tatsache nicht, dass Oyen es in keiner Szene wagt, an den Schmerzpunkt zu gehen, dorthin, wo Pina Bausch oft war, wo das Erzählte wirklich relevant wird, wo wirklich etwas über uns Menschen und unserem Umgang mit Leben und Tod verhandelt würde. Er inszeniert mit filmischem Anspruch und Gestus Momente, die lediglich behaupten, intim zu sein.

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Das Erbe von Pina Bausch

Bei all dem die früheren Pina-Bausch-Tänzerinnen und -Tänzer zu sehen, ist wunderbar und traurig zugleich. Sie haben die Erfahrung und das Können, vielleicht nicht mehr die körperliche Beweglichkeit, aber den großen Schatz der Erinnerung an die Arbeit mit Pina Bausch und sie können all das hier kaum zeigen. Immerhin ist es Oyen gelungen, aus ihnen und den neuen, jungen Tänzern ein gemeinsam atmendes Ensemble zu formen.

Vermutlich ist es noch immer zu viel erwartet, selbst jetzt, neun Jahre nach dem Tod von Pina Bausch, dass ihr Erbe, ihr Tanz über das Wesen des Menschseins in eine neue Form, in die Gegenwart überführt werden kann – Oyen ist es jedenfalls nicht gelungen, den Pina-Bausch-Stil zu wahren und gleichzeitig weiter zu denken.

Skandal um die fristlose Kündigung der Intendantin

Inwieweit der Skandal um die fristlose Kündigung der Intendantin Adolphe Binder zu diesem Scheitern beigetragen haben könnte, inwieweit dieses Berliner Gastspiel davon geprägt ist, darüber kann man nur spekulieren. Adolphe Binder, gestern Abend anwesend, hat Oyen nicht nur nach Wuppertal geholt sondern ihn, wie er sagt, auch immer unterstützt. Ob die Tänzerinnen und Tänzer von dem Machtkampf an der Spitze beeinflusst wurden, mitgenommen sind, ist anzunehmen – immerhin haben sie sich ausdrücklich hinter Binder gestellt.

Fakt ist, dass hier ein Kulturerbe beschädigt zu werden droht – Adolphe Binder klagt gegen die Kündigung, nächste Woche beginnt der Prozess, ihr Gegenspieler, Geschäftsführer Dirk Hesse muss Ende des Jahres den Hut nehmen. Wie es mit dem Tanztheater Wuppertal weitergeht, ist derzeit nicht zu sagen.

Dieser lange zähe Abend war – um im Bild zu bleiben – leider ein Trauerspiel – ganz und gar nicht der erhoffte glanzvolle Abschluss für einen ansonsten insgesamt großartigen Tanz im August – so wie diese Jubiläumsausgabe zum 30. Geburtstag des Tanzfestivals wünscht man sich viele weitere.

Frank Schmid, kulturradio

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