Volksbühne: Die sechs Brandenburgischen Konzerte, Choreografie von Anne Teresa De Keersmaeker; © Anne Van Aerschot
Anne Van Aerschot
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Volksbühne Berlin - "Die sechs Brandenburgischen Konzerte"

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Auch die Volksbühne ist nun in die neue Saison gestartet – und das mit einem Paukenschlag: mit der Uraufführung der neuen Choreografie von Anne Teresa De Keersmaeker, oft als Europas beste Choreografin bezeichnet.

Vor einigen Jahren hat de Keersmaeker einmal gesagt, Bachs Musik mache das Göttliche menschlich und das Menschliche göttlich und – so müsste man hinzufügen – inspiriert sie zu ihren besten Arbeiten. Die sechs Brandenburgischen Konzerte, wenn auch in etwas gekürzter Fassung, in 110 Minuten ohne Pause in Tanz zu verwandeln, ist eine Herausforderung für die Tänzer wie für die Zuschauer. Vor allem dann, wenn man wie De Keersmaeker die Struktur der Musik offenlegen und zugleich Charakter, Emotionalität und Spiritualität dieser Werke ausdrücken will.

Die Struktur der Musik offenlegen

Anne Teresa de Keersmaeker folgt bei den ersten vier Konzerten Rhythmus, Tempo und Melodie, folgt den Stimmgruppen und Solo-Instrumenten – einzelne der insgesamt 16 Tänzerinnen und Tänzer sind Horn, Geige, Flöte oder Trompete zugeordnet, die anderen verkörpern gewissermaßen das Orchester.

Das Dialogische der Musik wird in unterschiedlich großen Tänzer-Besetzungen zum Dialogischen im Tanz – wie die Instrumentengruppen untereinander und Soloinstrumente und Orchester miteinander kommunizieren, findet sich das auch im Tanz.

Volksbühne: Die sechs Brandenburgischen Konzerte, Choreografie von Anne Teresa De Keersmaeker; © Anne Van Aerschot
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Gegenüberstellung, Verwobenheit und ein Hund

Am Anfang zum Beispiel gehen alle 16 in schwarzen Anzügen, Kleidern und Netzhemden die Basslinie, synchron und frontal zum Publikum in einfachen Schreit- und Hüpffolgen, eine Reihe schreitender und hüpfender Tänzer im Takt der Basslinie. Daraus lösen sich dann einige, um Oboen, Violinen und Hörner aufzunehmen – je nach Präsenz in der Musik verschwinden sie in der Menge oder führen sie an – erst alle synchron, dann Herauslösen Einzelner, dann Gemeinsamkeit und Verwobenheit in den Gegenüberstellungen.

Das ist strukturanalytisch und spielerisch, ein fröhliches Hüpfen, Springen und Drehen, voller Energie und Lebensfreude. Und auch mit einem Witz, wenn am Ende des ersten Konzertes ein Tänzer einen Hund an der Leine auf die Bühne führt und dieser Hund mitlaufen soll. Was er schwanzwedelnd manchmal macht und manchmal nicht – und zuweilen bellt er auch die Hornisten an. Der Hund bringt als nicht völlig kontrollierbares Element Chaos in die Ordnung – wie bei Bachs Musik, die Freiheit sucht im selbstgesetzten Regelwerk.

Charakter, Emotionalität und Spiritualität – die Stimmungen der Musik

Anne Teresa De Keersmaeker folgt den Stimmungen der sechs Konzerte, ihr Tanz ist euphorisch, fröhlich und lebensbejahend oder voller Ernst, Trauer, Kummer und Wehmut sowie ausgerichtet an der Sehnsucht nach etwas Höherem, Größerem. Der Tanz ist geboren aus Analyse und Experiment, Strenge und Freiheit.

Beim fünften und sechsten Konzert entfernt sich De Keersmaeker immer wieder deutlich von der Struktur der Musik, choreografiert freie Variationen in ornamentalen Verschiebungen der Muster und Sequenzen und in individuellen Ausprägungen für einzelne Tänzerinnen und Tänzer.

Allem liegt zwar immer eine mathematisch-geometrische Ordnung zugrunde, v.a. Kreis- und Spiral- und Ellipsenformen oder Linien und Geraden – aber diese Ordnung wirkt nicht zwanghaft, sondern harmonisch. Der Tanz fließt elegant und organisch.

Das Hinein- und Hinausgleiten bei Sprüngen und Drehungen mit weit geöffneten Armen, die Beschleunigungen und das Abbremsen der Schritt-, Trippel- und Hüpffolgen, das Verflüssigen und Verwirbeln der Formen, das Pendeln und Schwingen und Wiegen der Körper, die überraschenden Umkehrungen und Wendungen.

Ein Meisterwerk – selten hermetisch

Diese Choreografie ist ein weiteres Meisterwerk von Anne Teresa De Keersmaeker und ihren Tänzern, ist noch besser als ihre früheren Choreografien zu Bachs Musik, zu den Solo-Violin-Partiten oder den Cello-Suiten. Ganz selten nur ist diese Choreografie etwas hermetisch, etwas weniger zugänglich. Gegen Ende fehlt auch etwas die Leichtigkeit, das Verspielte. Das Schlussbild jedoch ist dann wieder grandios, wenn sich die Tänzer in Linien schreitend zu immer neuen Spiralformen zusammenfinden.
Volksbühne: Die sechs Brandenburgischen Konzerte, Choreografie von Anne Teresa De Keersmaeker; © Anne Van Aerschot
Bild: Anne Van Aerschot

Spielerische Freiheit innerhalb der Grenzen der Formen

Das B'Rock Orchestra, 2005 in Gent gegründet und spezialisiert auf Alte Musik und Musik der Gegenwart, das hier auf historischen Instrumenten spielt und bei Hörnern, Trompeten und auch Geigen einige schiefe Töne erzeugt, spielt einen konzentriert-präzisen und doch seelenvollen Bach.

Die Tänzer aus drei Generationen der Keersmaeker-Compagnie Rosas, alt und jung vereint, sind brillant. Der Tanz ist niemals nur Illustration der Musik, sondern Dialogpartner und vereint Formstrenge und Harmonie, ist spielerische Freiheit innerhalb der Grenzen der Form.

Und der Tanz ermöglicht ein schärferes, ein analytisches Hören, sozusagen ein "Sehen" der Musik und ein Sich-hinein-fallen-lassen in diesen Kosmos von Johann Sebastian Bach. Am Ende stand völlig zu Recht begeisterter Jubel des Publikums.

Frank Schmid, kulturradio

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