RIAS Kammerchor, 2018; © Matthias Heyde
Matthias Heyde
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Philharmonie Berlin - 70 Jahre RIAS Kammerchor: 1918 – 1948 – 2018

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Es gibt einen Grund zu feiern: Der RIAS Kammerchor ist 70 Jahre alt. Unter seinem neuen Chefdirigenten Justin Doyle stellt der Chor seine Spitzenstellung unter Beweis – mit Bach, Schönberg und einer fragwürdigen Uraufführung.

Justin Doyle © Gregor Baron
Bild: Gregor Baron

Mit dem Jahreszahlenmotto "1918 – 1948 – 2018" blickt man zurück auf 70 Jahre RIAS Kammerchor, aber auch auf das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Arnold Schönbergs "Friede auf Erden" unterstreicht diese Ausrichtung. Zudem hat man sich zur Feier ein Auftragswerk mit Uraufführung gegönnt.

Der RIAS Kammerchor steht hervorragend da. Es war mutig, mit Justin Doyle einen Chefdirigenten zu wählen, den man vorher kaum kannte. Aber schon jetzt am Beginn seiner zweiten Spielzeit in diesem Amt merkt man, dass er das ohnehin hohe Niveau des Chores noch einmal gesteigert hat. Alles ist noch verfeinerter und polierter. Doyle ist wirklich detailversessen. Man hat das Gefühl, dass er jeder Stimme zugewandt ist und sie mit unauffälligen, aber präzisen Gesten steuert.

Vollendet im Kleinen wie im Großen

Johann Sebastian Bach passt natürlich immer. Aber es ist auch ein Qualitätsnachweis. In der Motette "Jesu, meine Freude" kann ein Chor fast alles zeigen – und muss es auch. Da ist zum Beispiel die Geschlossenheit. Das beginnt mit einem einfachen Choral – aber da gibt es Unterschiede. Wie oft hat man das schon langweilig heruntergeleiert gehört. Beim RIAS Kammerchor dagegen wird auf jedes Komma geachtet – oder auf Zusammenhänge, wenn man textlich bedingt zwei Phrasen verbinden muss.

Textverständlichkeit, selbst in der größten Verdichtung, ist beim RIAS Kammerchor eine Selbstverständlichkeit. Vor allem aber beeindruckt die hohe Emotionalität. Da sind Kontraste auf engstem Raum, hier Sünde und Hölle, dort sanfter Trost. Das alles ist im Fluss und im Kleinen wie im Großen vollendet aufgeführt. Nach diesen zwanzig Minuten hat man bedauert, dass es schon vorbei war.

Friede auf Erden

Als Arnold Schönberg Anfang des 20. Jahrhunderts seine Motette "Friede auf Erden" komponiert hat, scheint es fast so, als habe er vorausgeahnt, wie sehr man angesichts der folgenden Katastrophen dieses Jahrhunderts diese Bitte nötig haben würde, so eindringlich und intensiv wirkt dieses spätromantische Werk auch heute noch.

Vorausgesetzt man hat den RIAS Kammerchor. Da glaubt man kaum, dass es gerade einmal 35 Sängerinnen und Sänger sind. So sehr spürt man eine Klangwand, die ein Volumen erreichen kann, dass man ein ganzes Sinfonieorchester vor sich zu haben meint. Ebenso bruchlos schleicht sich dann sanfte Harmonie ein. Vergessen konnte man, wie schwer dieses Werk aufzuführen ist, so hervorragend wurde auch das präsentiert.

Die Uraufführung

Die Uraufführung des Abends stammte von Roderick Williams. Den kennt man eher als Sänger. Vor vier Jahren hatte er einen großen Auftritt bei der Last Night of the Proms. Als Komponist ist er zumindest hierzulande weniger in Erscheinung getreten.

Für sein Stück "World Without End – Von Ewigkeit zu Ewigkeit" hat er – mit Blick auf das Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren – lange Passagen aus Erinnerungen der Journalistin Helen Thomas ausgewählt, deren Mann freiwillig in den Krieg gezogen war und dort gefallen ist. Das sind private Momente über Vorahnung und Abschied. Ergänzt wird das durch Gedichte von Autorinnen und Autoren, die im Ersten oder Zweiten Weltkrieg gefallen sind bzw. ermordet wurden.

Musikalisch ist das ein fünfzigminütiges Sammelsurium aus Zitaten und Stilparodien: hier ein bisschen Neue Musik mit Clustern und Glissandi, daneben Zitate aus Schubert-Liedern, etwas Monteverdi. Das Spektrum reicht von Spätromantik über Kuschelpop bis Tango. Das alles wirkt wie ein Brainstorming, ein Mischmasch, der immer nach etwas Bekanntem klingt und nie zu einer eigenständigen musikalischen Sprache und Aussage findet.

Auch schlechte Musik kann man gut aufführen

Dass man als Chor einen Auftrag an einen Sänger gibt, der weiß, wie man für Stimmen schreiben kann, ist noch irgendwie nachvollziehbar. Allerdings: Hätte man nicht besser zu einem solchen Anlass wie dem 70-jährigen Bestehen einen Auftrag an einen renommierten Komponisten geben können statt an einen Sänger, der nebenbei auch noch ein bisschen komponiert?

Wenn man etwas Positives darüber sagen will, ist es die Art und Weise, wie der RIAS Kammerchor auch dieses schlechte Stück aufgeführt hat. Hier war es vor allem die Vielseitigkeit des Chores. Man kann alles, was verlangt wird, ob Alte Musik, Romantik, Moderne, sogar als Popmusikchor macht man eine gute Figur. Man hat großartige Solistinnen und Solisten in den eigenen Reihen. Und man kann auch kammermusikalisch denken – wie hier in Zusammenarbeit mit dem Sheridan Ensemble, ebenfalls hoch virtuos.

Seine Spitzenstellung hat der RIAS Kammerchor auch hier eindrucksvoll unterstrichen.

Andreas Göbel, kulturradio

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