Berliner Ensemble, © Julian Röder
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Berliner Ensemble - Berliner Ensemble: Doppelpremiere "Revolt. She said. Revolt again." / "Mar-a-lago"

Bewertung:

Girl meets Boy. Doch was, wenn das "Girl" in der Begegnung nicht den gesellschaftlichen Erwartungen enstpricht? Die Regisseurin Christina Tscharyiski inszeniert Alice Birchs Stück "Revolt. She said. Revolt again." zusammen mit Marlene Streeruwitz' Theaterstück "Mar-a-Lago". Unsere Kritikerin Barbara Behrendt hat die Premierer besucht. 

Der Bass wummert, wenn die Rapperin Ebow in rotem Satin-Anzug auf die Bühne springt und mit ihrem ersten Song gleich mal eine Ansage macht: "Mein Baba ist ein Feminist, deiner ist ein Weichei. Die Ära der Fuckboys ist vorbei, herzliches Beileid." Dazu schießen im Sekundentakt bunte Bilder auf die Leinwand über ihr: Disney's auf den Knien putzendes Aschenputtel, Fernsehspots aus den 1950ern mit glücklich den Feudel schwingenden Hausfrauen, ein Schönheitswettbewerb mit sexy Mädchen im Vorschulalter, Mona-Lisa mit Botox-Lippen, dazwischen auch mal eine fliegende Wonderwoman. Schon verstanden: Die nächsten zweieinhalb Stunden werden laut, grell und poppig werden.

Mehr als ein feministisches Postulat

Wonderwoman trifft man in der nächsten Szene wieder, wenn Anita Vulesica im glitzernden Superheldinnen-Outfit die erste "Revolution" gemäß Alice Birchs Stück "Revolt. She said. Revolt again." probt. "Revolutioniere die Sprache" heißt es da – und Vulesica führt beispielhaft vor, wie man einen feministischen Dirty-Talk führt. Als Sascha Nathan, ebenfalls in Glitzer, sagen will, wo hinein er sein Geschlechtsteil stecken möchte, kommt sie ihm zuvor: "Und ich stecke meine Vagina auf dich drauf zuerst!." Revolutioniere die Sprache bedeutet: Benutze deine Sprache so, dass du nicht diejenige bist, die vom Geschlechtsorgan eines Mannes penetriert wird, sondern dass dein weibliches Geschlechtsorgan dasjenige ist, dass sich den Mann einverleibt – jugendfrei gesprochen.

Birchs Stück, 2014 in London uraufgeführt, ist eine Anleitung zum feministischen Aufstand. Ein wütender, aktivistischer Text dieser 32-jährigen Britin, der aber durchaus Ambivalenzen zulässt. Das Gebot "Revolutioniere deinen Körper" etwa bedeutet, "Frau" solle jederzeit sexuell bereit sein, so dass "Mann" sie nicht mehr vergewaltigen kann: "Mein Körper ist kein Kampfplatz, es gibt keine Verteidigungslinie mehr. Ich bin geöffnet." Spätestens bei diesem Kapitel hätte die junge österreichisch-bulgarische Regisseurin Christina Tscharyiski hellhörig werden und Birchs "Regelwerk" mit gesunder Skepsis hinterfragen müssen – denn bei aller aktivistischen Geste ist ihr Text mehr als ein einseitig feministisches Postulat, das die nötige Veränderung (also: Verantwortung) allein bei den Frauen sucht. Er setzt sich auch mit den gescheiterten Ermächtigungsversuchen der Frauenbewegung auseinander.

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Bild: Berliner Ensemble, Julian Röder

Mächtige Männer mit großen Egos

Doch auch hier setzt Tscharyiski auf Trash- und Comic-Ästhetik: Die Spieler stehen knöcheltief in Badeschaum – und weil die Beispielszene dieser "Revolution" im Supermarkt spielt, müssen von der Decke zig Plastikbälle mit Wassermelonen-Optik fallen. Das alles erinnert an die Pop-Inszenierungen der 1990er. Die Spielerinnen und Spieler, allen voran Anita Vulesica, setzen dazu auf postdramatische Performance à la René Pollesch. Nur bei Astrid Meyerfeldt hört man hier und da einen grotesken Zwischenton heraus, der den Comedy-Sprech der Inszenierung verlässt.

Nichtsdestotrotz: Unterhaltsam und komisch ist diese erste Stunde durchaus. Und wer weiß – vielleicht hat Tscharyiski bei den jungen Zuschauerinnen mit Feministen-Rap, aktivistischen Superheldinnen und bunter Werbebildflut einen Nerv getroffen. Verhängnisvoll wird dieser Inszenierungsstil erst in der zweiten Stunde, in der die Uraufführung von Marlene Streeruwitz' Stück "Mar-a-lago." auf dem Plan steht. Der Text, der nach Donald Trumps Florida-Residenz benannt ist, entstand als Auftragswerk fürs Berliner Ensemble – und beinhaltet abgesehen vom Titel zum Glück keine expliziten Trump-Verweise. Doch zusammen mit dem Untertitel "Oder. Neuschwanstein." legt er nah, dass es hier um mächtige Männer mit großen Egos geht.

Bizarr-albtraumhafte Szenen

Streeruwitz, fast 40 Jahre älter als Birch und Tscharyiski, hat ein Stück für fünf Frauenfiguren aus unterschiedlichsten Generationen geschrieben; sie sind zwischen 23 und 68 Jahre alt. Zentrum der Handlung ist das Theater, die Damen sind allesamt Schauspielerinnen – ein alter, mächtiger Regie-Zampano hat sie überredet, für ein Projekt über die aufsässige Mao-Witwe ein letztes Mal zusammenzuarbeiten, obwohl alle Frauen (bis auf die jüngste, die gerade erst dazukommt) von diesem Regisseur in den vergangenen Jahrzehnten beschlafen, betrogen, belogen und sitzen gelassen worden sind. Streeruwitz kritisiert ihre mangelnde Frauensolidarität, die Bequemlichkeit und das sich gut Einrichten in der Frauen-Opferrolle.

Doch die Autorin lässt, bei aller Resignation angesichts dieser Lage, durchaus auch ein gewisses Verstehen durchblicken: da gab es ein Kind vom Regisseur, dem man den eigenen Vater nicht zum Monster machen wollte, finanzielle Abhängigkeiten, das Problem, ab einem gewissen Alter überhaupt noch besetzt zu werden – häufig führt Streeruwitz patriarchale Machtstrukturen zur Entlastung der Frauen an, manche bizarr-albtraumhaften Szenen bleiben dagegen in der Schwebe.

Wenig Empathie

Die Regisseurin aber zieht ihr Programm aus Teil Eins weiter durch, setzt auf Slapstick, bunte Bilder und Ironie und kriegt auch diesmal die Zwischentöne nicht in den Blick. Fünf als weiße Bräute verkleidete Spieler stehen mit denselben Pagen-Perücken auf der Bühne und geben die Damen mit gespieltem Pathos und großen Gesten als lächerlich weinerliche, hysterische und exaltierte Diven. Später stecken ihre Köpfe in einer überdimensionalen pinken Anti-Trump-Pussi-Mütze und proben den Protest – auch das natürlich nichts als ein großer Lacher.

So wenig Empathie für ihre Geschlechtsgenossen hätte man einer jungen Regisseurin gar nicht zugetraut. Auch mehr echtes Selbstbewusstsein und Haltung statt nur cooler, ironischer Pose hätten dem Abend unbedingt gut getan.

Barbara Behrendt, kulturradio