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Berliner Ensemble - Berliner Ensemble: "Eine griechische Trilogie"

Bewertung:

Der schweizerisch-australische Regisseur Simon Stone wird europaweit für seine Dramenüberschreibungen gefeiert. Am Berliner Ensemble feierte sein Stück "Eine griechische Trilogie" Premiere. Unsere Kritikerin Barbara Behrendt war dabei.

Männliche Helden und Bösewichte gibt es im Theater zuhauf, doch wo bleiben die großen, komplexen Frauenfiguren? Das hat sich der australisch-schweizerische Regisseur Simon Stone gefragt und für seine erste Arbeit am Berliner Ensemble drei Stücke aus der Antike zurate gezogen, in denen Frauen eine Hauptrolle spielen: "Lysistrata", "Die Troerinnen" und "Die Backchen".

Die Grundmotive: Gewalt, Opfertum und Rache

Stone ist bekannt dafür, dass er alte Stücke nur als grobe Vorlage benutzt, um aus den Grundkonstellationen ganz neue Dramen in neuer Sprache zu entwickeln. In seiner "Griechischen Trilogie" bewegt er sich noch weiter von den Originalen fort, als er das sonst ohnehin tut. Nicht viel mehr als der Titel lässt darauf schließen, dass hier Stoffe aus der Antike zurate gezogen worden sind.
 
In Aristophanes' Lustspiel "Lysistrata" sorgen die Frauen für ein Ende des Krieges, indem sie ihren Ehemännern solange den Beischlaf verweigern, bis die einen Friedenspackt schließen. Euripides' Bakchen ist die Geschichte von der Rache des Gottes Dionysos an den Menschen, der die Frauen im Wald rauschende Feste feiern lässt, bis sie mit einem Mord blutig enden. In den "Troerinnen" stellt Euripides die Frauen als Kriegsopfer in den Mittelpunkt, die vergewaltigt und als Trophäen verschachert werden. Bei Stone bleiben davon nur die Grundmotive Gewalt, Opfertum und Rache übrig.
Berliner Ensemble, "Eine griechische Trilogie" von Simon Stone © Thomas Aurin/Berliner Ensemble
Bild: © Thomas Aurin/Berliner Ensemble

Mehr wie „Verbotene Liebe“ denn antike Tragödie

Die komplette Bühnenbreite füllt eine Plexiglaswand aus. Hinter diesem Glas stehen die Schauspieler den dreieinhalbstündigen Abend über, mit Mikroports verstärkt, zumeist an der Rampe, während ihr Raum mit dichtem Nebel gefüllt ist. Mal wird er in blaues, mal in gelbes oder rotes Licht getaucht. Hier blättern sich die Geschichten und Familienkonstellationen nach und nach auf. Zunächst eine Frauenkommune im Wald, in der die junge Lina ihrer Mutter Philippa Unterschlupf gewähren will. Philippa ist pleite, weil ihr Mann, ein Arzt mit Kinderwunschklinik, hundertfach sein eigenes Sperma verwendet hat, um für Erfolg zu sorgen. Philippa hat sich von ihm getrennt – und auch Lina hat ihren Mann verlassen: Er glaubt ihr nicht, dass sie von seinem Vater schwanger ist, der sie auf ihrer eigenen Hochzeit vergewaltigt hat. Dieser Schwiegervater wiederum ist Polizist und hat Inge, auch Teil der Kommune, nicht vor ihrem gewalttätigen Mann geschützt, als sie den Notruf gewählt hat. Bis Inge ihrem Mann den Kopf eingeschlagen und so in den Rollstuhl befördert hat.

Ein blutiges, zeitgeistiges Szenenkaleidoskop. Das muss nichts Schlechtes sein, Stone wird gerade dafür geschätzt, alte Geschichten schmerzfrei und unorthodox ins Heute zu übertragen, wie zum Beispiel Tschechows "Drei Schwestern", zu sehen beim Theatertreffen 2017. Hier allerdings wird dramaturgisch besonders waghalsig kurzgeschlossen. Auch die Genderthematik darf nicht fehlen: Die junge Trans-Frau, in die sich Lina verliebt, stellt sich zu allem Überfluss auch noch als deren Halbschwester heraus – wirkt Ein blutiges, zeitgeistiges Szenenkaleidoskop. Das muss nichts Schlechtes sein, Stone wird gerade dafür geschätzt, alte Geschichten schmerzfrei und unorthodox ins Heute zu übertragen, wie zum Beispiel Tschechows „Drei Schwestern“, zu sehen beim Theatertreffen 2017. Hier allerdings wird dramaturgisch besonders waghalsig kurzgeschlossen. Auch die Genderthematik darf nicht fehlen: Die junge Trans-Frau, in die sich Lina verliebt, stellt sich zu allem Überfluss auch noch als deren Halbschwester heraus – wirkt mehr wie „Verbotene Liebe“ denn antike Tragödie.

Fast eine Groteske

Zwar emanzipieren sich die Frauen von ihren Unterdrückern – das macht sie jedoch längst nicht zu den "komplexen, befreiten, autonomen" Figuren, die Stone laut Programmheft nach antikem Vorbild entwerfen möchte – ob die Frauen bei Euripides selbst tatsächlich mehr als Opfer und Objekte der Macht waren, sei einmal dahingestellt. Noch schlimmer steht es um die Männer dieses Abends: durch die Bank Idioten, Feiglinge, Weicheier und üble Schläger. Stone lässt sie am Ende blutig von den Frauen abschlachten – nicht gerade eine optimistische Gegenwartsdiagnose.   

Die Star-Besetzung mit Caroline Peters, Constanze Becker,  Martin Wuttke, Judith Engel, Stefanie Reinsperger, um nur ein paar zu nennen, ist selbstredend ein Coup. Auch, wenn die Spieler oft einzelne Nummern auskosten und ihre Figuren karikieren, allen voran Martin Wuttke als delirierender Frauenarzt. Constanze Becker gibt die misshandelte Inge, die ihren Mann in den Rollstuhl befördert, wie eine beinharte "Frauenknast"-Protagonistin. Zeitweise ist das durchaus komisch – am Ende drängt der Abend mit seiner Splatter-Ästhetik dann geradewegs in die Groteske. Reinsperger als traumatisierte Tochter Lina setzt da noch am wahrhaftigsten auf Einfühlung und Emotionalität. 

Nicht von antiker Wucht

Auch aufgrund ihrer flachen Sprache bleiben die Figuren jedoch stereotyp. Zwar setzt Stone oft mit schnellen Pointen aufs Entlarven von Alltagslügen – oft aber rauscht ein banaler, austauschbarer Alltagssprech (mit dem Stone dem Publikum eigentlich besonders nah kommen möchte!) wie Fernseh-Geplapper an einem vorbei. Die Sprache verhakt sich nicht, sie bricht nichts auf, sie schlägt keine Wunden.

Ob letztlich nun mehr Comedy, Daily Soap oder Splatter-Movie auf der Bühne zu sehen ist – von antiker Wucht ist diese Inszenierung nicht.

Barbara Behrendt, kulturradio