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Berliner Ensemble - Gerhard Polt und die Well-Brüder: "Im Abgang nachtragend"

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Der Kabarettist Gerhard Polt zu Gast im Berliner Ensemble – wie gewohnt in Bestform: irre komisch, bitterböse, Satire auf höchstem Niveau. Dazu die Well-Brüder mit musikalischen Parodien und tagesaktuellen politischen Couplets. Besser geht es nicht.

"Im Abgang nachtragend" – das ist in Gerhard Polts aktuellem Programm eine kleine Weinprobe eines "Chardonnay de Pope", der eben diesen Effekt hat. Aber das könnte auch das Motto für den gesamten Abend sein – und für Gerhard Polts Auftritte. Denn auch diesmal gibt es viel zu lachen, aber hinter jeder Pointe lauert die bittere Wahrheit, und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr bleibt einem – "im Abgang" – das Lachen im Halse stecken.

Man wechselt sich ab, mal Gerhard Polt mit einer abgeschlossenen Solonummer, dann die drei Well-Brüder singend und an ihren Instrumenten mit Musikstücken, Liedern und Couplets. Auch diesmal sitzt Gerhard Polt dann meistens scheinbar unbeteiligt und grimmig dreinblickend daneben.

Bayerischer Wutbürger

Gerhard Polt gibt auch diesmal wieder den bayerischen Grantler und Spießbürger, der sich um seine Provinzthemen kümmert und diese für die ganze Welt hält. Das sind Nachbarschaftsstreitigkeiten, zum Beispiel um eine Grillverordnung, deren Einhaltung man natürlich mittels einer Drohne kontrollieren muss, ob der Nachbar wirklich nur achtzehn Würstchen grillt und nicht, entgegen der Verordnung, achtundzwanzig.

Auch als Mitglied eines Fischereiverbandes hat er Probleme, so mit dem Kormoran: "Was heißt hier 'Kormoran', schon das Wort – 'Koran' – wahrscheinlich, ich weiß es nicht. Wir sind heute sowieso schon in Bayern in einer Situation – was da alles hereinkommt, unkontrolliert, da kommen sie zu uns herein und behaupten frech: Sie wären Wir! Ja, wo sind wir denn! Wissen Sie, und jetzt will ich Ihnen etwas sagen: Das ist das letzte, wo wir noch einmal ein Zugeständnis gemacht haben. Wir sagen: Schluss! Finito! Aus!" Gerhard Polt gibt hier den bayerischen Wutbürger, der immer mehr die Kontrolle über sich verliert.

Menschenverachtung und Pseudophilosophie

Das ist alles andere als harmlos. Dieser Spießer entlarvt in seinen Entgleisungen immer mehr seinen eigentlichen Charakter. Alles, was seine Spießbürgerruhe stören könnte – egal ob fischfressender Vogel oder die Angst vor Zuwanderung – da zeigen sich schnell menschenverachtende Positionen.

Es ist schon immer die Stärke von Gerhard Polt gewesen, in diese menschlichen Abgründe zu leuchten. Erst lacht man im Publikum und findet es übertrieben, aber dann merkt man plötzlich, dass es diese Leute tatsächlich gibt. Polt verpackt das in köstliche pseudophilosophische Thesen, wenn er anmerkt: "Der Mensch an und für sich ist gut, nur die Leute…"

Die CSU im Weltall

Die tagesaktuellen Themen überlässt Gerhard Polt weitgehend den Well-Brüdern. Die machen nicht nur Musik, sondern präsentieren hochintelligente Texte, darunter siebzig Jahre bayerische "Weltgeschichte". Da ist es ein Weltuntergang, wenn der bayerische Ministerpräsident aus Franken kommt. Ja, Markus Söder stammt aus Nürnberg… Die katholische Kirche ist Thema mit der Verbindung von Ministranten zu "me too".

Und natürlich aktuelle politische Couplets, auch spekulativ. Denn auch wenn Bayern untergehen sollte – die CSU geht nicht unter, notfalls geht man ins Weltall: "Am 19. Oktober tut’s am Nockherberg an Knall / Ein weißblaues Space Shuttle hebt ab ins weite All / An Bord Commander Söder und die Spitzen der Partei / Mit ei'm Audi-Diesel-Motor geht’s ins Universum nei / An jedem Stern, wo’s vorbeikimme / Da schreit der Söder 'Halt!' / Da wer'n von ihm persönlich an Kruzifix aufg'steut / An Betonmischer ham’s au dabei / Da wern’s im Weltall schau’n / Sie woll’n endlich die Milchstraße achtspurig ausbau’n!" Ja, sicher, da dominieren die bayerischen Themen, aber nach der jüngsten Landtagswahl ist Bayern bundesweit ein Thema.

Händels Große Feuerwehrmusik

Auch musikalisch ist der Abend ein Genuss. Die Well-Brüder sind Multiinstrumentalisten. Zu dritt spielen sie: Klarinette, Geige, Harfe, Gitarre, Akkordeon, Tuba, Querflöte, Flügelhorn, Blockflöte, Kontrabass, Trompete, Drehleier und Alphorn. Ebenso beherrschen sie Schuhplattler, Bauchtanz und Riverdance.

Parodien gibt es, darunter auf Georg Friedrich Händel. Der soll auf seinem Weg von Wien nach London in ihrem bayerischen Kuhkaff in der Postkutsche verunfallt sein. Und so hat er zum 125-jährigen Jubiläum der dortigen Freiwilligen Feuerwehr seine Große Feuerwehrmusik komponiert.

Das Ganze ist ein über zweieinhalbstündiger kurzweiliger, irre komischer, bitterb öser, virtuoser Abend. Und Gerhard Polt ist wie gewohnt in Bestform.

Andreas Göbel, kulturradio

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