"Hofesh Shechter Company: Grand Finale"; © Rahi Rezvani
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Berliner Festspiele - Hofesh Shechter Company: "Grand Finale"

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Der israelisch-britische Star-Choreograph Hofesh Shechter ist berühmt für seine energiegeladenen, spektakulären und exzessiven Choreographien. Dank der Berliner Festspiele waren nahezu alle seiner Arbeiten in Berlin zu sehen und so auch sein neues Stück "Grand Finale". Am Freitag war Gastspielpremiere im Haus der Berliner Festspiele.

Hofesh Shechter lässt seinen Tanz oft in apokalyptischen Welten toben, hier ist es eine postapokalyptische Nebel-Schatten-Düsternis – wie Geisterwesen bewegen sich die Tänzer und Musiker durch diese graudunkel-finstere Welt. Shechter hat einen Totentanz choreographiert, einen Danse Macabre, der in wüste Partys ausartet, in Geistertänze und Leichentänze, ein Tanz nicht mehr am Abgrund sondern schon darüber hinaus.

Die Tänzer und Musiker wirken wie Schattenwesen, als wären sie bloß noch eine Erinnerung oder eine Mahnung und sind doch ganz heutig, Zeitgenossen, Menschen, die sehenden Auges in die Katastrophe tanzen. Ein Untergangsszenario, wie es für Hofesh Shechter typisch ist, aber hier noch schonungsloser als in den früheren Stücken.

Gemeinschaft in Zersetzungsprozessen

Schonungslos wegen der Härte und Radikalität, mit der Shechter uns unsere Untergangsängste vor Augen führt und zu sagen scheint: Ihr habt Recht damit und wir haben es auch nicht anders verdient. Seine Kritik an der westlichen Konsumgesellschaft und den Opfern, die der Reichtum der reichen Länder weltweit fordert, hat er schon in früheren Stücken formuliert, hier nun zeigt er eine Art Gegenwartsdiagnose: eine Gemeinschaft in Zersetzungsprozessen, haltlos, orientierungslos und überfordert, dem Exzess ergeben, der aber auch keine Befriedigung und Abhilfe schafft.

Ebenfalls typisch für Shechter: ein Gemeinschaft nicht ganz ohne Hoffnung, und sei es durch den zarten Kuss eines Paares am Ende – ein lichter Moment in der langen Reihe der Schnappschussbilder, wenn Licht momenthaft die Dunkelheit durchbricht und man die Tänzer eingesperrt in einen engen Kasten bewegungslos in Posen sieht, kniend, liegend, mit offenen Mündern – Zombies zwischen Leben und Tod.

"Hofesh Shechter Company: Grand Finale"; © Rahi Rezvani
Bild: Rahi Rezvani

Zerschreddern, Zersplittern – ein Leichentanz

Hofesh Shechter lässt die phantastischen Tänzer seiner Company eruptiv explodieren und martialisch-ekstatisch exerzieren, er lässt sie taumeln und schlingern, treibt sie bis zur Erschöpfung in kuriose Hüpfchoreographien mit schlenkernden und fuchtelnden Armen. Er zitiert folkloristische Tänze – damit fing in seiner Jugend in Israel alles für ihn an – zerschreddert aber diese Zitate, wie auch die Zitate von Ritualtänzen oder Techno-Club-Tänzen – nichts hat hier Bestand, alles ist in Auflösung, im Zerfall, alles zersplittert.

Immer wieder sacken die Tänzer zusammen, stürzen wie bewusstlos auf die Bühne, werden wie Leichen herumgezerrt oder hängen wie leblose Puppen mit schlenkernden Gliedern in den Armen ihrer Partner – so in einer der finstersten und komischsten Szenen – ein Leichentanz zu süßlichen Walzerklängen und mit von der Decke herabsinkenden hübschen Seifenblasen; eine bedrückende Szene und doch komisch und voll inniger Zärtlichkeit.

Das Faszinierende an diesem Tanz sind die Schnitte und Brüche, und wie aus dem ekstatischen Hüpfen einer Meute verhärteter Körper übergangslos weiche und schlaksige, durchlässige Bewegungen werden – wie aus den ferngesteuerten Drohnenkörpern, die in Hochgeschwindigkeit zwanghaft in rhythmischen Stampfen zappeln, vor Sehnsucht vergehende, leidende Individuen werden.

Bühne mit verschiebbaren schwarzen Monolithen

Hofesh Shechter ist selbst auch Musiker, Schlagzeuger und komponiert für seine Stücke immer eigene Soundtracks. Hier ist es ein aberwitziger Mix aus melancholischer Neo-Klassik, extrem harter Percussion und zartem Streichtrio, eine Kombination aus lärmendem Techno, Klezmer, Franz Lehar und Peter Tschaikowsky.

Die sechs Musiker, Streicher, Gitarrist, Flötist sind immer auf der Bühne, tauchen völlig überraschend überall auf, ermöglicht durch das faszinierende Bühnenbild von Tom Scutt mit großen, schwarzen, verschiebbare Monolithen, die an Segmente der Berliner Mauer erinnern, die hin und her geschoben, enge und weite Räume bilden, Eingesperrtsein und endlose Weite.

Grandioses Stück – sarkastisch-böse Groteske, schauerlicher Karneval

"Grand Finale" ist ein grandioses Stück, düster und bedrängend, surreal und voller anarchischer Energie, voller Wut und Bitterkeit, voller Melancholie und zarter Schönheit – eine sarkastisch-böse Groteske über das Menschsein an sich und über unsere Gegenwart, ein schauerlicher Karneval voller Verzweiflung und Komik.

Diese Welt, diese Menschen steuern der Katastrophe, dem Untergang entgegen, sie wissen das und können doch nichts anderes tun, als weiterzumachen wie bisher – eine bittere Diagnose, unbarmherzig ausgestellt und in fesselnder Schönheit in zum Teil atemberaubende Tanzkunst verwandelt. Applaus und Jubel und Standing Ovations brechen erst nach einer geradezu schockiert wirkenden Stille aus.

Frank Schmid, kulturradio

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