taatsoper Unter den Linden | Claude Debussy / Annelies Van Parys: Usher © Martin Argyroglo
Martin Argyroglo
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Staatsoper Unter den Linden - Claude Debussy / Annelies Van Parys: Usher

Bewertung:
Ein Opernfragment von Claude Debussy wird zur kompletten Kammeroper und gewissermaßen neu komponiert. Das hätte funktionieren können, wenn man nicht zu viel gewollt und sich damit komplett verzettelt hätte.

Das Ganze ist fast ein Widerspruch: Sein komplettes Komponistenleben hat sich Claude Debussy mit einem Plan zu einer Oper über Edgar Allan Poes Erzählung "Der Untergang des Hauses Usher" herumgetragen. Hinterlassen hat er lediglich zwanzig Minuten Musik.

Die Komponistin Annelies Van Parys hat, unterstützt von der Librettistin Gaea Schoeters, aus Libretto und Fragment ein neues Stück erarbeitet. Keine Vervollständigung und keine Rekonstruktion, sondern eine neue Oper.

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Horror vom Allerfeinsten

Edgar Allan Poe erzählt in seiner Geschichte vom letzten Spross einer traditionsreichen Familie, der immer mehr dem Wahnsinn verfällt. Seine Schwester begräbt er lebendig, dann steht sie plötzlich blutüberströmt vor ihm, beide sterben, und das Haus fällt in sich zusammen. Das ist Horror vom Allerfeinsten.

In der aktuellen Produktion bleiben die Figuren im Wesentlichen erhalten: Roderick Usher, seine Schwester, der Erzähler. Aber dann wird eine andere Figur aufgewertet: Der Hausarzt wird bei Poe nur mit drei Sätzen erwähnt. Hier mutiert er zur bösen Gegenfigur. Er schürt letztlich die Ängste und die Panik, die Usher in den Untergang treibt.

Ein bisschen Gegenwart

Etwas Aktualität sollte auch noch hinzukommen. Schließlich gibt es in der Politik derzeit viele, die mit den Ängsten in der Bevölkerung spielen, sie ausnutzen und für ihre Zwecke instrumentalisieren. Da heißt es im Text: "Panik ist ein politischer Hebel".

Die Inszenierung von Philippe Quesne allerdings nutzt diese Vorlage wenig. Man blickt in ein normales Wohnzimmer: Sofa, Tisch, Treppe in den ersten Stock – so gehört sich das für Horrorfilme der 80er-Jahre. Monitore zeigen Nachtszenen in Zeitlupe, Wasserstrudel, ein brennendes Haus. Überhaupt ist der Horror im Kleinen präsent: Es donnert und blitzt. Wenn man das Fenster aufmacht, strömt dichter Nebel in den Raum, auch das Pappmodellhaus dampft. Das alles kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meiste Zeit Monologe und Dialoge absolviert werden und die Figuren eigentlich nur rumstehen. Das Ergebnis: Langeweile.

Debussy vs. Van Parys

Warum hat Annelies Van Parys nicht einfach eine ganz neue Oper geschrieben?! Die aufgeteilten zwanzig Minuten Debussy hört man immer raus. Die sangliche Einfachheit und Klarheit ist unüberbietbar. Annelies Van Parys macht ihre Sache nicht ungeschickt. Das Kammerorchester grummelt, poltert, rauscht, verdichtet die Klänge zu Dissonanzen und Clustern, per Zuspiel gibt es Naturgeräusche.

Das ist handwerklich gut gemacht und würde jedem Horrorfilm zur Ehre gereichen. Aber Claude Debussy hat nun einmal eine so dominante musikalische Handschrift. Und er war ein Genie. Dagegen kommt man einfach nicht an.

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Ruth Rosenfeld begeistert

Die Sängerdarsteller sind von der Regie über weite Strecken alleingelassen. Das Problem: Gerade der Arzt, dessen Rolle hier aufgewertet werden soll, ist stimmlich überfordert. Ihm nimmt man es nicht ab, dass er die anderen in den Abgrund treibt.

Das Ereignis des Abends ist jedoch Ruth Rosenfeld als Lady Madeline. In Berlin als inzwischen Schaubühnen-Ensemblemitglied und Darstellerin in Inszenierungen von Herbert Fritsch keine Unbekannte, zeigt ihre Doppelbegabung als Sängerin und Schauspielerin. Sie verleiht ihrer Figur Charakter und vor allem Rätselhaftigkeit. Wie sie scheinbar tot ist, wieder erweckt wird, am Modellhaus herumbastelt, wie sie in Trance die Treppe hinauf- und wieder herunterschwebt oder einfach nur mit blutigen Händen dasteht – das ist ein Ereignis. Sie ist der Grund, diese Vorstellung zu besuchen.

Sonst aber wollte man zu viel. Das Debussy-Fragment sollte in ein neues Werk überführt werden, dazu ein bisschen Horror und Psychodrama und etwas Gegenwart. Das geht selten gut und war hier leider nur gut gemeint.

Andreas Göbel, kulturradio

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