"Deutsche Oper Berlin: Wozzeck"; © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
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Deutsche Oper Berlin - "Wozzeck"

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Zweimal hat der norwegische Opernregisseur Ole Anders Tandberg schon an der Deutschen Oper Berlin inszeniert. Nach Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" und Bizets "Carmen" ist mit "Wozzeck" von Alban Berg seine dritte Inszenierung an dem Haus zu sehen.

So bedeutend, dass man ihm schon die dritte Inszenierung an der Deutschen Oper anbieten müsste, ist Ole Anders Tandberg eigentlich nicht. Dass alle Mitwirkenden, einschließlich des Regisseurs, bei der ersten DOB-Premiere der neuen Saison positiv akklamiert wurden, liegt denn auch zunächst eher am unkaputtbaren Charakter eines Werkes, welches einzigartigerweise immer gelingt. "Wozzeck" ist zu gut, um danebengehen zu können.

Beliebige Deutung

Tandbergs frühere Arbeiten, vor allem seine grässliche "Carmen", die er als Krimi über Organhandel ausgab, waren Lehrstücke, wie man eine Inszenierung übers Knie bricht. "Wozzeck" verlegt er, gleichfalls gewaltsam, ins Oslo unserer Tage, an den norwegischen Unabhängigkeitstag (17. Mai). Deswegen werden so viele Fähnchen geschwenkt.

Alles spielt in einer großen Restauranthalle mit Bar und Klavier in der Ecke. Wieso der Doktor hier an Wozzeck eine Rektoskopie durchführt und warum dieser ausgerechnet hier in Gegenwart des Hauptmanns mehreren Probanden den Penis bepinselt, mag ein Geheimnis bleiben. Die beliebige Deutung – mit Wozzeck, im blauen Einreiher, als eine Art Jedermann – richtet keinerlei Schaden an. So äußerlich bleibt sie.

Neu gehört

In dem dänischen Bariton Johan Reuter hat man einen renommierten, vorzüglich entwickelten Protagonisten, der seine Rolle tatsächlich singt (und nicht knirscht). Elena Zhidkova als Marie bringt ihre volle, schwere Rotweinstimme überkräftig zum Einsatz; rhythmisch etwas grob. Die Sänger der Nebenpartien, darunter Burkhard Ulrich als Hauptmann und Thomas Blondelle als Tambourmajor, neigen zum Deklamieren ihrer Rollen, was den Charakter der Oper stark verändert. Ich meine es positiv. Man hört das Werk neu.

"Deutsche Oper Berlin: Wozzeck": © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
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Plastisch und schwunghaft

Ich verhehle nicht, dass ich den Abend für das bislang wohl beste Dirigat von Donald Runnicles halte. Wie gewohnt, tuscht er mit buschigem, breitem Strich, behält aber merkwürdigerweise Klarheit und Durchsichtigkeit im Blick. So klingt das Werk luftig, dabei plastisch und schwunghaft, da es stets energetisch vorwärts drängt.

Es liegt nicht zuletzt an dieser strukturstiftenden Transparenzleistung des Orchesters, dass "Wozzeck" hier, akustisch weit aufgefächert, eine solche Farbigkeit erhält. Das Haus passt offenbar exzellent zum Werk. Nicht zufällig ging von hier der Repertoire-Siegeszug des "Wozzeck" mit aus (obwohl die Uraufführung 1925 an der Berliner Staatsoper stattfand). Karl Böhms wichtige Dirigate Bergs fanden 1964 an der Deutschen Oper statt; und auch Claudio Abbados legendäres Wiener Gastspiel in den 80er Jahren ereignete sich gerade hier, an der Deutschen Oper.

Wer das Werk hören will – es handelt immerhin um das wirkungsvollste Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts –, erhält eine überraschend nützliche Gelegenheit.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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