Marie Jacquot © Oliver Topf
Oliver Topf
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Philharmonie Berlin - Deutsches Symphonie-Orchester unter Marie Jacquot

Bewertung:

Erst kam die Posaune, dann das Dirigieren. Ihre Ausbildung im Fach Dirigieren erhielt Marie Jacquot an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Gestern war die französische Dirigentin nun in Berlin zu erleben. Unser Kritiker Clemens Goldberg war dabei.

Dirigentinnen sind zwar immer noch ein fast exotisches Phänomen, aber angesichts einer sich abzeichnenden Mehrheit weiblicher Mitglieder in Orchestern eine letzte Bastion. Wie wirkungsvoll sie genommen wird, bewies Marie Jacquot. Sie pflegt einen angenehm energetischen, natürlichen Dirigierstil, unprätentiös, aber auch mal mit freudigem Lächeln ins Orchester hinein. Zunehmend schwamm sie sich ganz frei. Messiaens frühem Triptychon "Les Offrandes oubliées" gestaltete sie die sehr ruhigen Außentafeln mit innigem Fluss, vom Orchester sehr aufmerksam begleitet. Die Mitteltafel sorgte für einen heftigen Kontrast, die "Sünde" darstellend. Sehr intensive Stille danach war der Lohn. In Ravels "Mutter Gans" wusste sie die pittoresken Züge sehr plastisch herauszuarbeiten, es fehlte noch am letzten Parfum, an Magie der kindlichen Phantasie.
Marie Jacquot © Werner Kmetitsch
Bild: Werner Kmetitsch

Selbstbewusst und locker

Sehr umsichtig und energisch trat das Orchester mit seinen aleatorischen Herausforderungen dem faszinierenden Solisten Jay Campbell zur Seite. Die Generation der Mittzwanziger ist heute technisch atemberaubend gerüstet, selbstbewusst und locker, Lampenfieber scheint unbekannt. Selten allerdings erlebt man so souveräne Gestaltung wie in diesem Fall. Kein Wunder, Campbell hat schon 100 Werke uraufgeführt!

Eine junge Generation

Ebenso souverän und intelligent trat Andrea Obiso in Prokofjews 1. Violinkonzert auf. Er wusste genau, was er tat und wo er hinwollte, hier hätte man sich noch einen lebhafteren Austausch mit dem sehr fein hinhörenden Orchester gewünscht. Der Solist lieferte hier viele Vorlagen. Immer wieder trat er dicht an die Dirigentin, mit feurig und suggestiv auffordernden Blicken. Reste von alten Rollen sind wohl immer da, und das ist ja auch reizvoll.

Ich bin zwar prinzipiell gegen Zugaben, aber die Idee der jungen Solisten, eine gemeinsame Zugabe zu geben, den zweiten Satz aus Ravels Duo, war geradezu anrührend. Eine sympathische, feinfühlige Generation junger Solisten, die sich hoffentlich nicht im Betrieb unterbuttern lässt.

Clemens Goldberg, kulturradio