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Friedrichstadt-Palast - Friedrichstadt-Palast: "VIVID Grand Show"

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Der Friedrichstadt-Palast hat eine neue große Mega-Show: "VIVID Grand Show". Darin entdeckt die junge R’eye, die zu einem Wesen - halb Mensch, halb Maschine - transformiert wurde, die Welt neu. Unser Kritiker Kai Luehrs-Kaiser war bei der Uraufführung dabei.

"Vivid", zu Deutsch: lebendig, hell, strahlend, heißt die "Liebeserklärung an das Leben", als welche sich die neue Glamour-Show des Friedrichstadtpalasts versteht. "Wer sich finden will, muss sich auch mal ganz verlieren", heißt es darin. Ein kleines Mädchen, genannt R’eye, wird aus dem Publikum auf die Bühne geholt, um in eine Androidenwelt einzutauchen – gefolgt und verfolgt von ihrem Vater, der sie den Rest des Abends wiederzufinden sucht. Also: eine "Alice in Space-Wonderland"-Version. Phantastisch beleuchtet, mit 100 Mitwirkenden auf der Bühne und 200 Medienvertretern im Publikum sowie Ministern, Exzellenzen und Barbara Eden ("Bezaubernde Jeannie"). Allet sauber: Standing ovations auf Anhieb, was auch an diesem Haus keine Selbstverständlichkeit ist.

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Eine spektakuläre Show - und viele Hüte

Man wirbt mit der Ausstattung des Hut-Designers Philip Treacy, dessen Bekanntheitsgrad vermutlich nicht zu überschätzen ist. Von der Queen bis Madonne, von Lady Gaga bis "Sex and the City" hat er alles unter die Haube gebracht, was Glanz verströmt. Hüte indes sitzen nur obendrauf. Selbst dann, wenn sie wahlweise vom Botanischen Garten oder vom Technischen Museen inspiriert scheinen. Einer bewegt sich auch – ist also ein kinetischer Hut. Dass die Viecher 'unaufgesetzt' wirken, gebührt als Verdienst gewiss auch dem Kostüm-Designer Stefano Canulli. Während man eine gigantische Ulla-Klingbeil-Hutparty befürchten könnte, braucht sich die Produktion nicht mal vor der Vorgängershow von Jean-Paul Gaultier zu verstecken.

Ein Cirque du Soleil-Derivat

Regisseurin Krista Monson kommt vom Cirque du Soleil her, aus Las Vegas. Daher fehlt diesmal die Eisfläche ebenso wie das Aquarium. Die Girl-Reihe kommt nur ein Mal sehr wirkungsvoll vor. Akrobaten wirken als Wimmelbild-Elemente innerhalb dauernder, poetischer Parallelaktionen. Den Höhepunkt bilden dennoch vier Irokesen-Schnitte, die in rotierenden Hamsterkäfigen unterm Dach ihren Hals riskieren. Furchteinflößend! Als 'Rockoper light' reicht der Abend gelegentlich bis zum Schlager. Seit Langem mal wieder hat man in Gestalt des vortrefflichen Andreas Bieber einen Lead-Sänger, der nicht nur als Abziehbild erscheint (man kennt ihn aus dem "Weißen Rössl" vom Renaissance-Theater).

Der 'alte' Friedrichstadtpalast ist das gewiss nicht mehr. Seit man eine futuristische Richtung eingeschlagen hat, mögen mehr Besucher aus Bussen als aus Berliner Haustüren strömen. Ich gestehe, dass hier normalerweise immer nur jede zweite Produktion der letzten Jahrzehnte gut war – wonach diese hier eigentlich abfallen müsste. Dem ist nicht so. Zuzugeben wäre, dass die Geschichte nicht ganz zielführend ist, dass unmotiviert Leute auf die Bühne geholt werden (plötzlich stand bei der Premiere Wolfgang Lippert, der im Parkett gesessen hatte, mittenmang). Und das Ganze bleibt ein Cirque du Soleil-Derivat. Letzteres immerhin ist in Berlin neu. Von der Energie und der Bildkraft her ist die Show: absolut fulminant. Ich kann's empfehlen.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio