"Deutsches Theater: Publikumsbeschimpfung"; © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Publikumsbeschimpfung"

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Mit der Inszenierung seiner "Publikumsbeschimpfung" wurde Peter Handke 1966 übernacht berühmt. Immerhin gab es bei der Frankfurter Aufführung des Regisseurs Claus Peymann heftige Tumulte. Wie provokant Handkes Sprechstück heute – nach über 50 Jahren – noch ist, verrät Barbara Behrendt.

Als vor über 50 Jahren Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" in Frankfurt uraufgeführt wurde, war das ein gut kalkulierter Theaterskandal: Die jungen Zuschauer riefen dazwischen, pfiffen, enterten sogar die Bühne. Es war das Jahr 1966, der Morgen der Studentenrevolte – und Regisseur Claus Peymann entfesselte das politische Theater dieser Zeit. Handke wurde über Nacht zum Popstar. 52 Jahre später hat nun der junge Regisseur Martin Laberenz das Stück am Deutschen Theater in Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart inszeniert.

"Ein überzeugendes Debüt"

Provozieren kann die "Publikumsbeschimpfung" heute nicht mehr. Dafür hat das Theater in den letzten Jahrzehnten in der Tradition der Postdramatik schon zu viele Tabubrüche erlebt. Schauspieler, die in Alltagskleidung auf einer leeren Bühne das illusionistische Spiel verweigern und direkt ins Publikum sprechen, erlebt man heute an jedem zweiten Theaterabend – vor allem im diskursgläubigen Berlin.

1966 war das anders. Die Aufzeichnung der Uraufführungsinszenierung (frei auf Youtube zugänglich) zeigt es: Herausgeputzte junge Männer sitzen in Anzug und Krawatte im Saal, die Damen in schicken Kleidern, vier Spieler in Jeans schlendern bewusst lässig auf die Bühne und sagen: "Hier wird nicht gespielt werden ... Wir sind keine Darsteller"– ein Affront!

Doch man darf nicht vergessen, dass Peter Handke weder einen Skandal um des Skandals Willen im Sinn hatte, noch wollte er das "alte" Theater komplett einschlagen. Das "Sprechstück", wie der Autor selbst es benannte, ist ein Meta-Text darüber, was das Theater sein und sichtbar machen kann. Es wird sich seiner selbst bewusst. Und negiert dabei ganz bewusst die Erwartungen des Publikums, das Theater müsse fesseln oder berühren. Handke zitiert dabei sämtliche Theater-Floskeln: spielfreudige Darsteller, sich köstlich unterhalten, abendfüllend sein, die Zeit vergessen lassen, ein überzeugendes Debüt ...

Historisches Zeitdokument

Erwartungen, die wir nach wie vor ans Theater haben. Ergänzt durch die Frage: Kann ein Vorgang auf der Bühne "nicht-theatral" sein, nichts bedeuten? 1966 war das revolutionär – doch nach 20 Jahren Diskurstheater von René Pollesch, nach 25 Jahren Performance-Theater von She She Pop und Kollegen, die nichts anderes tun, als sich auf vielen weiteren Ebenen mit eben diesen Fragen zu beschäftigen, wirkt das Stück heute mehr wie ein historisches Zeitdokument.

"Deutsches Theater: Publikumsbeschimpfung"; © Arno Declair
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Dramaturgische Verlegenheitslösungen

Die Inszenierung von Martin Laberenz überzeugt dann gänzlich von der heutigen Unspielbarkeit des Textes. Was er an der "Publikumsbeschimpfung" noch für relevant hält, bleibt völlig im Unklaren. Bislang hat er sich als Regisseur erwiesen, der seine performativen Späßchen auf der Bühne macht und noch jedes Stück zertrümmert hat, das durch seine Hand ging. Zu Handkes Meta-Theater-Text, der nichts Zertrümmerbares anbietet, fielen Laberenz dann nur dramaturgische Verlegenheitslösungen ein.

Als hätte niemand einen blassen Schimmer

An der Rampe stehen drei Spieler vom Deutschen Theater und zwei aus Stuttgart in Rüschenkleidern, später hängen sie sich Goldketten um – das Gegenteil von Handkes Forderung, in Alltagskleidung aufzutreten, um keine "Darsteller" zu mimen.

"Sie haben sich etwas anderes erwartet. Wir haben keine Illusion nötig. Sie sind hier das Thema." – Die Handke-Zitate klingen auf der Bühne wie die schon ewig umher wabernden Dekonstruktionsblasen. Spieler, die diese Sätze mit der Coolness von Performern herausschleudern, könnten womöglich einiges retten – doch hier wird manieriert geschauspielert, als hätte niemand einen blassen Schimmer, was aufgesagt wird.

Uraufführung deutlich spannender

Eine Konzertbühne fährt auf, in Nebel und Neonlicht getaucht, sie überführt den Abend in eine Art Rock-Konzert – musikalisch eher schlichterer Sorte. Zwischendurch will Peter René Lüdicke mit einer gefühlt halbstündigen Slapstick-Einlage erheitern, in der er Sparwitze erzählt und umständlich versucht, einen Joghurt zu löffeln. Das ist nicht nur sinnfrei, das hat man auch schon zu oft besser auf der Bühne gesehen. Der einzige Spieler, der den Ton für die Handke-Sätze trifft, ist Jeremy Mockridge, blutjunger DT-Schauspieler.

Hin und wieder spielt Laberenz Szenen aus der Uraufführungsaufzeichnung ein – das zeigt zumindest die Dimension dieses Stücks, doch auch, wie sehr seine eigene Inszenierung dahinter zurückbleibt. Und selbst die waschechte Publikumsbeschimpfung am Textende lässt er von diesem Band aus dem Off als Ton einspielen – noch mehr kann man sich vor einer eigenen Haltung nicht drücken. Klare Empfehlung: auf Youtube die Uraufführung anschauen, die ist deutlich spannender.

Barbara Behrendt, kulturradio

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