Deutsches Theater: Hunger. Peer Gynt © Arno Declair
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Deutsches Theater - "Hunger. Peer Gynt"

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Zuletzt hat Sebastian Hartmann mit seiner "Ulysses"- Inszenierung am Deutschen Theater auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt setzt er Henrik Ibsens "Peer Gynt" in Szene und kombiniert es mit Knut Hamsuns "Hunger".

Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen hat so psychologisch genaue Figuren entworfen, dass wir uns bis heute in ihnen wiedererkennen. Er stammte aus bürgerlichem Haus und schrieb gegen die konventionelle Moral an. Sein 30 Jahre jüngerer norwegischer Kollege Knut Hamsun dagegen, Bauernsohn, Literaturnobelpreisträger, schaffte gespaltene Figuren ohne Herkunft; er hasste alles Bürgerliche – und vor allem den seiner Meinung nach "altmodischen" Ibsen. Am Deutschen Theater wollte Sebastian Hartmann jetzt die beiden Antipoden aufeinanderprallen lassen, indem er Ibsens "Peer Gynt" mit Hamsuns Roman "Hunger" verschränkt.

Eine schwarze, nur schemenhaft erkennbare Figur krümmt sich im Düstern an der Rampe, in nebliges Nichts getaucht, als hätte Gott noch nicht den Himmel vom Wasser geschieden. Die Inszenierung beginnt, wie in der biblischen Genesis, mit dem Wort: "Kuboaa, du hast es erfunden, das gibt es in der Sprache nicht. Das Wort stand ganz deutlich vor mir im Dunkeln. Ich sitze da mit weit geöffneten Augen, erstaunt über meinen Fund. Ich lache vor Freude. Ich war in des Hungers glücklichen Wahnsinn geraten. Ich war leer, schmerzfrei, mein Denken war zügellos."

Natali Seelig gibt diesem Gedankenstrom aus Hamsuns "Hunger" eine Stimme. Der namenlose Ich-Erzähler hat sich vor Hunger und Kälte in eine Zelle für Obdachlose sperren lassen und kreiert seinem irrlichternden Geist einen eigenen Kosmos. Ein junger Schriftsteller, der verlumpt und vereinsamt durch Oslo zieht und sich dabei wilde Geschichten ausdenkt, der zwischen Größenwahn, Scham, Trauer und Wut gegen sein Schicksal oszilliert.

Während man ihm auf einer inneren Reise zu den äußersten Rändern seines Verstands folgt, begibt sich Henrik Ibsens "Peer Gynt" auf eine Abenteuerfahrt durch die äußere Welt. Und obwohl Hamsun seinen deutlich älteren Kollegen Ibsen für dessen psychologischen Realismus verachtete und selbst nur an das Rätselhafte, Inkonsequente des Menschen glaubte, haben Peer Gynt und Hamsuns Schriftsteller manche Ähnlichkeit: Beide sind sie Träumer, Egoisten, große Lügner und Fabulierer.

Radikal, subjektiv

Sebastian Hartmann ist nun aber wahrlich kein Regisseur, der Geschichten auf der Bühne nacherzählt. Weder Plot noch einzelne Figuren interessieren ihn. Anhand von Motiven, Satzsplittern und Gedankenfetzen will er zu den großen Fragen durchdringen: Was ist der Mensch, was hält ihn, was macht den Einzelnen aus? Schon in früheren Arbeiten am Deutschen Theater, in "Gespenster" oder "Ulysses" hat er gezeigt, dass er collagenhafte Erzählungen mit eigenen Träumen, Albträumen, Sehnsüchten weiterspinnt. Ein radikal subjektiver Zugang, den er auch hier wählt. Die zehn Schauspieler stehen immer wieder abwechselnd an der Rampe, schütteln und verkrampfen sich und sprechen wild zusammengewürfelte Text-Miniaturen, hauptsächlich aus Hamsuns Roman.

Deutsches Theater: Hunger. Peer Gynt © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Immer wieder wird hier mit dem Tod gerungen, dem Hunger, der eigenen Würde und mit Gott: "Ich wurde immer erbitterter über Gott und seine andauernden Quälereien. Wenn er meinte, mich näher an sich zu ziehen und mich glauben zu machen, indem er mich peinigte und Klotz auf Klotz in den Weg legte, dann hatte er sich leicht getäuscht."

Almut Zilcher reckt dazu die Arme gen Himmel. Monologisiert wird hier stets mit großer Inbrunst und höchster Erregung. Nicht nur über den Wahnsinn, sondern auch über das Erschaffen von Kunst – was ja bekanntlich nah beeinander liegt.

Dazu malen die Darsteller über die komplette Dauer der dreistündigen Inszenierung an einem gigantischen Schwarz-Weiß-Gemälde. Sie kopieren eine Landschaft, die auf die Leinwand projiziert wurde, es folgen weitere Schichten, die Bilder werden übertüncht. Sie pinseln ihre eigenen Umrisse ins Bild und löschen sie mit weißer Farbe wieder aus. Nach der Pause steht das Tryptichion auf dem Kopf, wechselt seine Bedeutung.

Düstere Sinnlichkeit

Und so, wie sich die Bilder auf der Leinwand überlagern, legen sich auch die Körper-Bilder in Choreografien übereinander. Sobald ein Schauspieler spricht und expressionistisch gestikuliert, eignen sich andere seine Gesten an, imtitieren ihn, ein grotesker Tanz entsteht. Dazu wummern Bässe, überirdische Orgeln und Streicher erklingen – alles an diesem Abend ist auf Stimmungen und Überwältigung angelegt.  

In ihrer düsteren Sinnlichkeit will diese Reise an den Rand des Wahnsinns und des Todes effektvoll beeindrucken. Doch gerade die hohe Künstlichkeit und die eklektisch ausgewählten und proklamierten Textfetzen, die mit dem bombastischen Sound und dem Nebel um die Wette wabern, halten die menschlichen Abgründe auf Distanz.

Barbara Behrendt, kulturradio

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