Donaueschinger Musiktage 2018 © Astrid Karger
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Donaueschinger Musiktage 2018 - Festival für neue Musik

Die Donaueschinger Musiktage waren in diesem Jahr heterogener denn je – ein sehr breiter Überblick über die derzeitige zeitgenössische Musik mit gewohnt zahlreichen Uraufführungen in Konzert, Performance und Klangkunst.

Wer nach einem Trend gesucht hat, musste mehr denn je feststellen, dass inzwischen alle Komponistinnen und Komponisten ihr eigenes Ding machen. Vielleicht gibt es einen Trend in Richtung außermusikalische Themenstellungen: Naturwissenschaft oder Gesellschaftskritik u. v. m.

Daneben ist die Musik immer öfter nur ein Teil der gesamten Aufführung. Hinzu treten u. a. Video, Bewegung, Inszenierung. So hat Brigitta Muntendorf eine Performance über ein reales und projiziertes Bild geschaffen. Die Musik ist hier eher Nebensache.

Klavierkonzert mal anders

Viel Technik, viel Beiwerk – aber nicht immer. Sehr sympathisch vermittelte sich ein Mini-Klavierkonzert von Agata Zubel. Allerdings gab es da einiges Hürden. So hatte die Pianistin gleich zwei Konzertflügel zu bedienen: einen normalen und einen präparierten, aus dem fast nur Geräusche kamen. Darüber hinaus traten die anderen Ensemblemitglieder in deutliche Konkurrenz. Der Schlagzeuger spielte hemmungslos wie auf einem Popkonzert.

Hier wird nicht nur die klassische Form hinterfragt, sondern auch auf augenzwinkernde Weise das Thema Hierarchie gestreift: In einem Solokonzert dominiert der Solist – aber was ist, wenn die Begleiter damit nicht einverstanden sind?

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Bild: Ralf Brunner 2018

Aktuelles

Auch aktuelle politische und gesellschaftliche Themen spielten in Donaueschingen eine Rolle. Isabel Mundry geht in einer ihrer beiden Uraufführungen im Festival von dem Amoklauf von München vor über zwei Jahren aus. Damals hatte sich der Amokläufer aus das Dach eines Parkhauses geflüchtet und lieferte sich mit einem Anwohner einen Dialog. Diesen Augenblick hat Isabel Mundry eingefangen, und eine der Fragen war: Wie würde man selbst reagieren, wenn man plötzlich einem Attentäter gegenübersteht?

Dagegen hat der junge georgische Komponist Koka Nikoladze das Klangforum Wien über interaktive Notenpulte ferngesteuert, ganz subjektiv und überraschend. Das war unterhaltsam, wollte aber auch Kritik üben: Wie werden wir heute ferngesteuert – nur mit dem Unterschied, dass wir das oft gar nicht bemerken?

Donaueschinger Musiktage 2018 © Ralf Brunner 2018
Bild: Ralf Brunner 2018

Retro-Elektronik

Neue Musik und Elektronik gehören schon lange zusammen, Tendenz zunehmend, denn es alles immer leichter verfügbar. Da lohnt sich aber auch mal ein Blick in der Geschichte der elektroakustischen Musik.

Wenn sich Enno Poppe mit gleich neun Synthesizern an diese Erkundung macht, wählt er deutlich hörbar Retro-Klänge von Hammond- oder Schweineorgel. Das Material ist historisch, der spielerische Umgang jedoch von heute.

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Bild: Ralf Brunner 2018

Konzept und Klang

Irgendwie teilten sich die in Donaueschingen präsentierten Arbeiten in zwei Gruppen: Stücke mit originellem Konzept und musikalisch überzeugende Werke. Die schwedische Komponistin Malin Bång hat für ihr Orchesterstück u. a. vier Schreibmaschinen auffahren lassen, und diese Bedeutungsträger der Vergangenheit übertrugen ihr geräuschhaftes Wesen auf das Orchester.

Auch das ist politisch gemeint: als Symbol für Menschen, die gegen politische Unterdrückung anschreiben. Aber wie die Orchesterinstrumente und -musiker daraus einen klanglichen Kosmos gestalten durften – das hatte Idee und Klangsinn. Ein Höhepunkt des Festivals.

Andreas Göbel, kulturradio

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