Maxim Gorki Theater, © Ute Langkafel
Maxim Gorki Theater, Ute Langkafel
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Gorki Theater - "Außer sich"

Bewertung:

Sasha Marianna Salzmanns "Außer sich" ist ein schwieriger Roman, der wehtut und bestimmt nichts für zarte Gemüter ist. Wie ist die Umsetzung für die Bühne geraten?

Sasha Marianna Salzmann zählt zu den aufregendsten Stimmen der neuen deutschen Literatur. In Wolgograd geboren und in Moskau aufgewachsen, emigrierte sie mit ihrer Familie als "jüdischer Kontingentflüchtling" 1995 nach Deutschland. Sie hat szenisches Schreiben studiert und ist seit 2013 Hausautorin am Berliner Gorki Theater. Hier kommt eine Bühnenfassung ihres Romandebüts "Außer sich", mit dem sie 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert war, in der Regie von Sebastian Nübling auf die Bühne.

Orientierungslos durch Europa

Außer sich, neben sich, unbehaust – auf der Suche nach der eigenen Identität und Geschichte sind eigentlich alle Figuren, die den Text von Sasha Marianna Salzmann bevölkern und orientierungslos durch Europa irren. Vor allem aber geht es um das Geschwisterpaar Alissa, genannt Ali, und ihren Bruder Anton: Sie sind (wie die Autorin selbst, und so kann man den Text auch als Teil einer autobiografischen Reflexion lesen), als sie noch Kinder waren, als "jüdische Kontingentflüchtlinge" mit ihrer Familie von Russland nach Deutschland gekommen und versuchen, zwischen Asylwohnheim und bürgerlicher Existenz, irgendwie im neuen Leben anzukommen.

Das Geschwisterpaar klammert sich aneinander, lebt in einer Art Symbiose. Doch dann verschwindet Anton spurlos. Nach Jahren kommt eine Postkarte aus Istanbul, ohne weiteren Text und ohne genauen Absender. Daraufhin reist Alissa nach Istanbul, sucht ihren verschollenen Bruder, irrt durch Nachtclubs, begegnet seltsamen Menschen mit krausen Visionen.

Alissa schlüpft dabei immer mehr in die Haut ihres Bruders, glaubt irgendwann, ein Mann zu sein, wechselt ihr Geschlecht, versucht, sich ihrer Identität als Migrantin, Jüdin, Lesbe, Transgender-Wesen zu stellen.

Es ist ein chaotischer, sperriger Text, ständig aus wechselnden Perspektiven erzählt, eine Irrfahrt durch Mythen und Märchen, durch reale und eingebildete Orte in Deutschland und Russland, der Türkei und der Ukraine. Es ist ein schwieriger Roman, der wehtut und bestimmt nichts für zarte Gemüter ist.

Geschreddert und neu zusammengesetzt

Für das Theater werden die 366 Seiten des Romans auf ein Textskelett von 50 Seiten eingedampft, viele Nebenpersonen und Nebenpfade der Handlung fallen weg, der Textzusammenhang wird geschreddert und dann wieder neu und anders zusammengesetzt.

Die Theaterfassung konzentriert sich auf einige Episoden in den Bars von Istanbul, einige Reminiszenzen der jüdischen Familiengeschichte in der Sowjetunion, einige Andeutungen, was der Familie nach ihrer Ankunft in Deutschland widerfährt und wie sie an ihrer Heimatlosigkeit zerbricht.

Der Wechsel der Erzählperspektiven, der Zeit- und Handlungsebenen im Roman wird auf der Bühne unterlaufen, indem sich reine Spielszenen und reine Erzählpassagen abwechseln, manchmal vermischen sich auch Spiel und Erzählung. Das Chaos der Identitäten wird auf der Bühne gespiegelt durch ein Chaos der Figuren: es gibt gleich mehrere Alissas und mehrere Antons, die Eltern der beiden sind zugleich auch Geschöpfe der Nacht und Visionen schlimmster Albträume.

Rasender Stillstand

Die Bühne gleicht einem dunklen Verließ. Mehrere Bühnenportale sind hintereinander gestapelt und vervielfältigen die Orte, die nur in der Fantasie des Betrachters entstehen: ein paar Accessoires, ein Stuhl, ein Tisch, ein Mikrofon. Und schon wird der schwarze leere Raum zum Ort der Sehnsucht, des Schmerzes, der Suche, der Verwandlung.

Polly Lapkovskaja, in schwarzer Lederhose, roten Stiefeln und mit coolem Lächeln, zupft auf ihrem E-Bass live und laut endlose Läufe. Singt russische und türkische Lieder und säuselt auch mal inbrünstig von Heirat, Liebe und Konfusion. Die sechs Schauspieler und Schauspielerinnen wechseln ständig ihre Rollen, ihren Gestus, ihre Verkleidung. Betatschen und begrapschen sich unaufhörlich. Lechzen nach Liebe, Drogen und Hormonen. Heulen und schreien sich die Seele aus dem Leib. Oder lauschen still den Erzählungen einzelner Figuren.

Mal wabert alles vor entgrenzter erotischer Energie wie in einem aufgeregten Bienenstock, mal scheint die Zeit still zu stehen und alles vor unerfüllter Sehnsucht einzuschlafen: Dann herrscht rasender Stillstand.

Unfertig und lustlos

Im Gegensatz zum Roman tut die Inszenierung nicht weh. Sie ist auch keine Zumutung, sondern nur eine in weiten Teilen langweilige und leer laufende Behauptung: Schmerz, Leid und Verzweiflung werden auf der Bühne nur gespielt und vorgetäuscht, berühren und bewegen nicht.

Die Inszenierung findet keinen Rhythmus, wirkt unfertig und lustlos, hangelt sich von einer improvisierten Idee zur nächsten zufälligen Sequenz, verliert sich in willkürlich aneinander gereihtem Schnickschnack. Erotischer Wahnsinn wird zur schweißtreibenden Matratzengymnastik. Verruchte Sexorgien zu banalen und unfreiwillig komischen Stöhnarien.

Mehmet Ateşçi, Margarita Breitkreiz, Sesede Terziyan und Kenda Hmeidan mühen sich als Alissa und Anton und in anderen Rollen redlich und vielstimmig. Falilou Seck und Anastasia Gubereva versuchen sich in vielen Gestalten. Als saufender Vater und salbadernde Mutter. Als bizarre Nachtgeschöpfe in Flitter und Glitter. Doch alles ist nur mal hoffnungslos überdrehtes, mal einschläferndes Thesentheater: viel Aufregung um fast nichts.

Das Premierenpublikum aus Freunden und Kollegen applaudiert freudig, auch jene Zuschauer, die während der Vorstellung ein kreatives Schläfchen eingelegt oder mit dem Smartphone gespielt, Nachrichten gecheckt oder ganz nebenbei ein paar Fotos geschossen haben.

Theater ist im zeitgeistig-schicken Berlin schon längst nicht mehr dazu da, irgendwen zu beunruhigen oder die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Frank Deitschreit, kulturradio

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