"HOT: Der gute Mensch von Sezuan"; © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans-Otto-Theater, Potsdam - Bertold Brecht: "Der gute Mensch von Sezuan"

Bewertung:

Wie kann man ein guter Mensch sein? Mit Brechts Parabel "Der gute Mensch von Sezuan" feierte das  Potdamer Hans Otto Theater am vergangenen Wochenende seine zweite Spielzeiteröffnung. Inszeniert wurde der Klassiker von dem Regisseur Malte Kreuzfeldt.

Erkältungsalarm in Potsdam. Es wird auf einer Bühne mit knöcheltiefen Wasserbecken gespielt. Viele Schauspieler sind schon nach kurzer Zeit nass. Das Wasser spritzt, behindert sie beim Gehen, fordert aber auch zu übermütigen Rutschpartien heraus. Brechts trockener Didaktik wird mit Spielfreude begegnet. Malte Kreutzfeld ist eine unverkrampfte Inszenierung gelungen – ganz ohne China-Folklore und traditionelle Brecht-Effekte. Die Botschaft teilt sich trotzdem mit: Sezuan ist eine Stadt, die die Menschen hart macht. Und solche Städte sind überall auf der Welt zu finden.

"HOT: Der gute Mensch von Sezuan"; © Thomas M. Jauk
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Gummistiefel und Business-Anzüge

Die Götter, die auf die Erde kommen, weil sie herausfinden möchten, ob es noch gute Menschen gibt, tragen Gummistiefel und Business-Anzüge. Eigentlich ficht sie das irdische Elend nicht an. Doch sie wollen überprüfen, ob ihre Gebote befolgt werden: "Sei gut! Liebe deinen Nächsten!" Diese Forderungen scheint nur die Hure Shen Te zu erfüllen. Sie wird von den Göttern belohnt, kauft sich einen Tabakladen und möchte gern weiter Gutes tun, doch da sie schon bald von vielen Schmarotzern umgeben ist, droht ihrem Laden der Ruin. Sie muss einen bösen Vetter, der von Zeit zu Zeit vorbeikommt, um nach dem Geschäft zu sehen und gibt als Mann verkleidet den knallharten Geschäftsmann. Am Ende gehört ihr nicht nur der Laden, sondern eine ganze Tabakfabrik. Brecht wollte den Kapitalismus kritisieren, doch er hat auch exemplarisch menschliche Verhaltensweisen beschrieben. Das macht das Stück bis heute interessant.

"HOT: Der gute Mensch von Sezuan"; © Thomas M. Jauk
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Moralpredigten

In Malte Kreutzfeldts Inszenierung klingt anfangs noch Weltverbesserungspathos mit. Da wendet sich der Wasserverkäufer, der das Quartier für die Götter sucht, direkt ans Publikum.

Seine Moralpredigten wirkten bei der Premiere aber ziemlich absurd, weil gleich die erste angesprochene Zuschauerin beteuerte, sie würde die Götter für eine Nacht aufnehmen – ein Jux vielleicht, doch fürs Regiekonzept, das dem Publikum die Rolle der hartherzigen Bewohner von Sezuan zuschreiben wollte, ein herber Schlag. Die Inszenierung taumelte kurz, doch dann kriegte sie die Kurve. Die eigentliche Geschichte wurde ohne moralinsaure Appelle erzählt.

Neben der Rolle

Alina Wolff ist Shen Te. Die sanfte Ladenbesitzerin, die Reis an die Armen verteilt, glaubt man ihr sofort, den harten Vetter Shui Ta schon weniger. Sie klebt sich einen Schnurrbart an und wirft sich einen Pelzmantel über, doch sie ändert kaum ihre Haltung. Auch das gehört zum Regiekonzept. Malte Kreutzfeld will zeigen, wie die Gesellschaft ihre Fantasien auf die junge Frau projiziert – Shen Te als Wunsch-, Shui Ta als Angstbild. Doch das teilt sich nicht wirklich mit. Man erlebt einen Shui Ta, der völlig neben seiner Rolle steht, so ungelenk und kraftlos, dass er unmöglich als knallharter Unternehmenssanierer gelten kann.

Solide Inszenierung

Andere Schauspieler, die ganz einfach ihre Figuren spielen dürfen, haben es leichter. Guido Lambrecht zeigt den Flieger Yang Sun als selbstverliebten Egoisten, Moritz von Treuenfels den Wasserverkäufer Wang als freundlichen Träumer. Man braucht ihnen nur ins Gesicht zu blicken und man erkennt das Wesen ihrer Figuren.

Zur Sinnlichkeit der Inszenierung trägt auch die Musik bei. Eine Jazzband sitzt am hinteren Rand der Spielfläche und gibt den Songs von Paul Dessau und Hanns Eisler ein eigenes Flair – mal wirken sie wild und kraftvoll, mal melancholisch und sanft. Der musikalische Leiter Martin Klingeberg, der selbst auch Trompete spielt, hat alles sehr stimmig arrangiert. Ein großer Wurf ist dieser "Gute Mensch von Sezuan" zwar nicht, aber doch eine solide Inszenierung.

Oliver Kranz, kulturradio