Hans Otto Theater: Occident Express © Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater - "Occident Express"

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Theater, das die Pflicht der Stunde anmahnt

"Als Soloabend zu inszenieren oder anders" – so die Vorgabe des Autors Stefano Massini. Sein Text ist ein Bericht – überwiegend lakonisch, manchmal zornig, gelegentlich märchenhaft überhöht, durchweg auf Tatsachen beruhend, gefühlvoll, aber nie rührselig.

Eine Frau, vielleicht 60, vielleicht älter, Witwe, berichtet von ihrer Flucht aus Syrien in die Türkei, nach Griechenland und immer weiter Richtung Norden. Die Witwe flieht mit ihrer kleinen, vierjährigen Enkeltochter. Später schließen sich drei weitere Kinder an. Sie fliehen vor dem Terror von Mordkommandos. Sie rennen um ihr Leben, ums nackte Überleben. Hilfe gibt es – gegen Dollar. Menschlichkeit – wo ist sie?

Die Erzählerin, Haifa, ist nicht politisch motiviert. Was sie will, ist: nicht sterben. "Wenn ich die Wahl gehabt hätte, ich hätte keinen einzigen Schritt getan", sagt sie einmal. Und: "Man läuft einfach, das ist alles." Und: "Ich ziehe meinen Körper hinter mir her." Diese Sätze vergisst man nicht. Wahrscheinlich nie wieder. Sie sagen genau, was Sache ist, welcher Schrecken derzeit rund um den Globus herrscht.

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Erfreulich schlicht

Regisseurin Esther Hattenbach hat ihre Version auf der Großen Bühne des Hans Otto Theaters Potsdam erfreulich schlicht gehalten, bescheiden. Hauptdarstellerin Rita Feldmeier trägt den Abend – dazu agieren zwei Schauspieler, eine Schauspielerin und am Flügel ein Musiker, der wohl besser als Sounddesigner bezeichnet wird, als eine Art Mini-Chor. Die Bühne ist leer. Nur ein Felsbrocken deutet Welt an.

Entscheidender Einfall: das Publikum sitzt auf der Bühne, drei ansteigende kleine Sitz-Tribünen gibt es, angeordnet wie ein Hufeisen. So sind die Zuschauer ganz nah. Sie sollen es sein. Denn der Text richtet sich direkt an sie, will sie zum Nachdenken anregen. Und das funktioniert gut.

Hans Otto Theater: Occident Express © Thomas M. Jauk
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Hohe Sprech- und Spielkunst

Rita Feldmeier trägt den Abend mit ihrer hohen Spiel- und Sprechkunst. Sie gurrt, sie flüstert, sie schreit auch mal, wirkt meist lakonisch, sachlich, auch mal erstaunt, auch gerührt, verfällt aber nicht ein einziges Mal in Sentimentalität. Ihr ist es zu verdanken, dass der Abend große Wirkung zeigt, trotz einiger überflüssiger Regieeinfälle, etwa was manchen Sound-Effekt betrifft. Rita Feldmeier gibt den Millionen, die wir fast nur noch als abstrakte Wesen in den Nachrichten wahrnehmen, den Millionen, die weltweit auf der Flucht sind, einen Namen und ein Gesicht. Dabei biedert sie sich den Theaterbesuchern nicht an. Rita Feldmeier wird nicht zu Haifa, sie bleibt – in Jeans, Blus, Turnschuhen – eine Schauspielerin, die mit ihrem Können das Schicksal dieser Frau beleuchtet.

Man kann gar nicht anders, als sich nach der Vorstellung zu fragen, wie man es selbst hält mit dem, was mal "Willkommenskultur" hieß. Man stellt sich die entscheidende Frage: "Was tun?". Es wird einem schmerzlich – ja: schmerzlich – klar, dass unsere Welt von Leichenbergen geprägt wird, die auch wir mit zu verantworten haben. Tätig-Sein ist Pflicht der Stunde.

Peter Claus, kulturradio

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