Hans Otto Theater: Europa verteidigen © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater / Reithalle - "Europa verteidigen"

Bewertung:

Das Stück "Europa verteidigen" ist ein Werk, das zum Denken anregen will. Geboten wird kein klassisch gebautes Drama, sondern so etwas wie eine Gedanken-Revue. Unser Kritiker Peter Claus hat sich die Aufführung für uns angeschaut.

"Europa verteidigen". Ist der Titel sarkastisch gemeint? Auch. Vor allem ist er aber eine Anregung zum Denken. Theater mit Haltung! Geboten wird kein klassisch gebautes Drama, sondern so etwas wie eine Gedanken-Revue, ein Kaleidoskop der Argumente – für ein freies Leben in einer offenen Welt einerseit oder für, andererseits, Abschottung, Hass, Mauern in den Köpfen und um die Staaten herum.

Gemischt werden von Autor Konstantin Küspert historische Fakten, wie beispielsweise der Genozid an den Hereros in Afrika durch die deutsche Kolonialmacht, mit Mythen wie der Geschichte über Zeus und Prinzessin Europa. Hinzugefügt werden fiktive Szenen aus unserer Gegenwart - etwa die "Abwehr" von Flüchtlingen, die übers Meer nach Europa kommen wollen. Es wird nicht erzählt, es wird gespielt. Szenen und Momentaufnahmen führen jeweils direkt ins Geschehen.

Geschickt inszeniert, gut gespielt

Das ist sehr spannend, weil geschickt inszeniert, mit spürbarer Lust und Engagement. Und manchmal ist es sogar überaus beeindruckend, zum Beispiel wenn die Geschichte der Prinzessin Europa erzählt wird. Überliefert ist sie in der griechischen Mythologie als geradezu augenzwinkernd-romantische Komödie rund um Göttervater Zeus, der sich in einen Stier verwandelt hat, um die Prinzessin zu erobern. Sie hat ihm Blumenkränze gewunden, er hat gegurrt, das Paar hat fröhlich Kinder gezeugt.

Hier wird die Sage gedeutet als brutale Entführung und Vergewaltigung. Dabei kommt dann auch Videokunst zum Einsatz, angenehm dezent, dazu dienend, den Zuschauer in das Geschehen hineinzuziehen. Spannend ist der Abend auch, weil er unheimlich viele Anregungen gibt, sich danach schlauer zu machen, etwa über Fragen der genetischen Entwicklung des Menschen. Was steckt zum Beispiel dahinter, dass wir in der Gegenwart, jede und jeder, zwei Prozent Neandertaler-Gene in uns tragen? Man will nach dem Theaterbesuch mehr wissen über historische Ereignisse, vor allem über die verschiedensten Völkerwanderungen.

Vielversprechende junge Talente

Das Besondere an der Aufführung: Es spielen ausschließlich Stundierende der Potsdamer Filmhochschule "Konrad Wolf", aus dem dritten Studienjahr. Alle talentiert, engagiert, fesselnd. Regisseurin Angelika Zacek hat jede und jedem Möglichkeiten gegeben, ihr oder sein Können zu zeigen. Zwei fallen dabei besonders auf: Sara Simons und Arne Kertesz. Aus beiden strahlt pure Spielfreude.

Sie haben, was niemand lehren kann: eine Präsenz, die das Publikum sofort in den Bann zieht. Sie stehen nur auf der Bühne und man muss sofort hingucken. Die Zwei sind sehr präsent, dabei angenehm uneitel. Absolut vielversprechend. Wiewohl: Alle neun, die zu erleben sind, haben Chancen auf überzeugende Karrieren.

Anregendes Finale

Am Ende wird das Publikum direkt aufgefordert, gegen Hass und Dummheit anzugehen, keine Territorien zu verteidigen, sondern die Menschlichkeit. Vielleicht ist das naiv. Doch so engagiert vorgetragen wie hier ist das absolut überzeugend und begleitet einen weit über den Theaterabend hinaus.

Niemand sollte hier Shakespeare erwarten, wiewohl es Szenen gibt, die an sein Anti-Kriegs-und-Anti-Hass-Stück "Coriolan" erinnern. Das hat auch mit der großen Lust zu tun, die, ganz Shakespeare, hier zu erleben ist.

Peter Claus, kulturradio

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