Komische Oper Berlin: Der Zauberer von Oz © Jaro Suffner
Bild: Jaro Suffner

Komische Oper Berlin - Pierangelo Valtinoni: "Der Zauberer von Oz"

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"Somewhere over the rainbow" gibt es nur kurz als Zitat, ansonsten ist alles neu. Die Kinderoper "Der Zauberer von Oz" an der Komischen Oper erweist sich als freundliche Wiederbelebung des alten Stoffes. Andreas Göbel war bei der Premiere.

Um den Musicalfilm von 1939 kommt man nicht herum, wenn man an den "Zauberer von Oz" denkt, aber an der Komischen Oper Berlin ist es eben nicht "großes Kino", dafür aber wirklich große Oper.

Während an den anderen Berliner Opernhäusern Kinderopern in die Nebenspielstätten verbannt werden, mit weniger Plätzen und kleinerer Besetzung, gibt es das Genre an der Komischen Oper auf der Großen Bühne mit Chören, großem Orchester und Sängerensemble zu erleben. Dazu gibt es statt Programmheft eine Hör-CD mit Bildern, der Geschichte und der Musik. Da macht man sich richtig viel Arbeit – mit Erfolg: Seit anderthalb Jahrzehnten sind die Aufführungen für Kinder dort fast immer ausverkauft.

Komische Oper Berlin: Der Zauberer von Oz © Jaro Suffner
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Zuckerwatte und dicke Sahne

Nach Harold Arlen noch einmal Musik zu diesem Stoff zu schreiben, ist mutig. Ein Zitat musste immerhin sein: Wenn an der Smaragdstadt, in der der Zauberer von Oz wohnt, geklingelt wird, dann ertönt "Somewhere over the rainbow". Ansonsten hat Pierangelo Valtinoni, inzwischen zum dritten Mal mit einer Kinderoper in Berlin, alles neu komponiert.

Das ist so, wie man es von ihm kennt: irgendwo zwischen Musical und Hollywoodfilm in einer Mischung aus Zuckerwatte und dicker Sahne, es glitzert und schwelgt. Valtinoni wechselt geschickt die Stimmungen: leicht angejazzt bei den Tanzszenen, und wenn das Mädchen Dorothy ihre Sehnsucht nach dem heimischen Kansas ausdrückt, wird es schwermütiger. Was fehlt, ist ein Motiv, ein Lied, eine Melodie, die im Kopf bleibt. Andererseits stört es auch nicht. Das Werk ist freundlich, nett und sachdienlich komponiert.

Feldmäuse, Affen und (echter) Hund

Der Regisseur Felix Seiler erzählt die Geschichte linear von Szene zu Szene. Das Werk beginnt auf dem Hof von Dorothys Pflegeeltern, wie sie nach Oz weggeweht wird, dort ihre neuen Freunde Vogelscheuche, Blechmann und Löwe kennenlernt, vom Zauberer den Auftrag erhält, die böse Hexe zu liquidieren und schließlich nach unzähligen Verwirrungen doch wieder nach Hause gelangt.

Das ist mit viel Liebe zum Detail inszeniert. Der Kinderchor hat gut zu tun in wechselnden Rollen als Feldmäuse oder lila Affen. Vor allem aber die vier Hauptdarsteller stehen als verschworene Gemeinschaft auf der Bühne in einer Mischung aus Bremer Stadtmusikanten, vier Musketiere oder glorreiche Sieben (beziehungsweise hier vier). Die Botschaft wird schnell klar: Gemeinsam sind wir stark, und man muss nur an sich glauben. Dorothys kleiner Hund kommt auch hier vor, in echt. Das sorgt natürlich für Begeisterung beim jungen Publikum.

Videoanimationen

Das könnte allzu nett und brav daherkommen und würde so auch zur ebenso harmlosen Musik passen. Aber man hat sich für die vielen Szenenwechsel etwas einfallen lassen: Per Video wird alles dargestellt, was so schnell auf der Bühne gar nicht realisierbar wäre.

Da wird gleich zu Beginn Dorothys Haus in Kansas von einem Riesenzyklon in Regenbogenfarben weggeweht, es fliegt durch die Gegend, wird zur Rakete und landet kopfüber im Land Oz. Die Smaragdstadt ist ganz in Grün gehalten, dicht an dicht mit gekrümmten Wolkenkratzern bestückt. Nur zwei Beispiele von vielen, aber das gibt der Handlung das Phantastische.

Komische Oper Berlin: Der Zauberer von Oz © Jaro Suffner
Bild: Jaro Suffner

Hervorragende Darsteller

Das Ensemble der Komischen Oper hat schon jahrelange Erfahrung im Spiel für Kinder, und alle waren auch diesmal gewohnt ausgelassen bei der Sache. Christoph Späth als Vogelscheuche, die bemerkenswert oft stolpert und hinfällt, war ebenso eine Freude wie Christiane Oertel als böse Hexe mit Operndivaallüren und Mordsvibrato in der Stimme.

Ein Riesentalent ist die junge Alma Sadé, die fast die ganze Zeit auf der Bühne zu agieren hatte. Sie ist eine Opern- wie Musicalbegabung, kann singen (hervorragend textverständlich), spielen und tanzen. Und sie kann den Vergleich mit Judy Garland durchaus aushalten. Ein bisschen hat es die Regie auch darauf angelegt: das Kleid, das sie trägt, die Mädchenfrisur, eine gewisse Naivität. Allerdings gelingt es ihr auch, sich davon zu lösen und einfach ein Mädchen zu spielen, das an seinen Aufgaben wächst und erwachsen wird.

Gradmesser für einen Erfolg ist hier natürlich immer das junge Publikum, für das diese Produktionen erarbeitet werden. Und da kann man aufgrund der konzentrierten Ruhe im Saal von einem Erfolg sprechen. Die Produktion hatte ein gutes Gespür für rasche Szenenwechsel, so dass es nicht langweilig werden konnte. Sicher ist das eine der freundlicheren und harmloseren Kinderproduktionen in der Komischen Oper, das gab es auch schon mal frecher. Aber für jüngere Kinder ist das durchaus einen Besuch wert.

Andreas Göbel, kulturradio

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