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Schaubühne Berlin - "Champignol wider Willen"

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Bezaubernde Momente: Die Inszenierungen von Herbert Fritsch sind unverwechselbar.

Herbert Fritsch gilt als Theatermeister des Nonsens, des Irrsinns und der virtuosen Körper-Clownerie. Ein Dadaist, ein Sinnverweigerer, der an der Berliner Schaubühne zuletzt mit seiner Arbeit "Null" das große Nichts quietschbunt und ganz ohne Text inszeniert hat.

Für seinen neuen Abend hat er sich nach Jahren wieder ein Theaterstück vorgenommen: George Feydeaus "Champignol wider Willen", eine possenhafte Verwechslungskomödie ganz im Stil des französischen Vaudevilles-Theaters.

Bastian Reiber stolpert da als Monsieur St. Florimond in rotem Camouflage-Anzug artistisch über die in grünem Camouflage-Muster gehaltene Bühne. Jeden seiner Schritte begleiten die drei Live-Musiker an Klavier, Synthesizer und Schlagwerk – mit dieser ersten Szene ist der Ton des Abends bereits gesetzt.

Das typische überdimensionierte Fritsch-Sofa steht für allerlei Sprung, Fall- und Versteckaktionen bereit, gegenüber, ebenso gigantisch, lehnt das Gemälde einer schlecht kopierten Botticelli-Venus auf dem Kopf – wie hier ohnehin alles Kopf steht.

Zum Abschied einen Kuss

Wir befinden uns im Salon von Angèle, Ehefrau des berühmten Malers Champignol, derzeit auf Reisen. Eingetroffen ist Monsieur St. Florimond, Angèles Beinahe-Affäre, die unglückliche Umstände stets verhindern. Jetzt hat Angèle genug von ihm, aber zum Abschied gibt es doch noch einen Kuss. Den wiederum beobachtet das neue Dienstmädchen und hält den Fast-Liebhaber für Madames Ehemann.

Auch entfernte Verwandte stehen plötzlich in der Tür, die ebenfalls den Gatten in Angèles Armen glauben. Und weil man schließlich die Form wahren muss, spielt Florimond den Ehemann, der dann Knall auf Fall statt Champignol zum Militär eingezogen wird. Dort treffen die Doppelgänger aufeinander.

Dieses Klipp-Klapp-Verwechslungsspiel schnurrt mit so einer Feinmechanik ab, mit federleichten, pointierten Dialogen, wie das nur ein präziser Komödienbauer wie George Feydeau kann. Herbert Fritsch widmet sich hier wieder einer Vorlage mit Figuren und Handlung, so wie er das 2011 bei einem seiner ersten großen Erfolge getan hat, der "(S)panischen Fliege". Eine Komödie mit ähnlichem Tür-auf-Tür-zu-Mechanismus, die er so grell überzeichnete, wie nun den Champignol.

Dabei greift er mit beiden Händen in die Witztüte und den Farbkasten und stattet die Figuren so schrill aus, dass sie wie schräge Fratzen daherkommen. Sprachfehler, Ticks, Slapstick, hausgemachte Kalauer – nichts fehlt. Auch nicht die kleine improvisierte Kunst-Satire, wenn der falsche Champignol beim Porträt-Malen scheitert.

Tanzpuppen mit explodierten Frisuren

Ursina Lardi spielt mit wildesten Grimassen, irrem Sprechtempo und hoch gepushten Brüsten unterm knappen Negligé die abgebrühte Ehefrau, der jedes Mittel Recht ist, um den Schein zu wahren und zugleich das größtmögliche Vergnügen abzusahnen. Schauspielstudierende geben die Soldaten derweil als grenzdebile Knallchargen. Mit so trainierten Fritsch-Clowns wie Florian Anderer vollführt dieses insgesamt knapp 20-köpfige artistische Horrorkabinett hoch virtuose Choreografien.

Doch während sich im Text die Figuren erst nach und nach in ihrer Scheinheiligkeit entlarven, trifft man bei Fritsch auf grell geschminkte Tanzpuppen mit explodierten Frisuren, die er aus seiner Spielzeugkiste heraus aufeinander loslässt. Das hat, bei aller Virtuosität, auch etwas Monströses.

Wer den Humor der "(S)panischen Fliege" mochte, kann sich hier köstlich amüsieren. Stärker jedoch sind Fritschs Arbeiten, wenn er ganz Dadaist ist, wenn er im Nonsens, im Körpertheater eine eigene poetische Sprache findet. Hier steht ihm die Sprache eher im Weg.

Doch neben aller grober Überzeichnung gibt es ganz bezaubernde Momente. Nach der Pause etwa bricht ein Kronleuchter aus der Decke, ein Teppich rollt aus und die Musikerin Taiko Saido kommt als Geisha gekleidet auf die Bühne und spielt ein wunderbares Solo am Vibrafon.

Für diese perfekt arrangierten Überraschungsmomente muss man das Theaterkind Fritsch einfach mögen.

Barbara Behrendt, kulturradio

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