Schaubühne Berlin: "Voyage" mit Felix Römer; © Thomas Aurin
Thomas Aurin
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Schaubühne | Studio - "Voyage"

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In dem Projekt "Voyage" begeben sich der Regisseur Philipp Preuss und der Schauspieler Felix Römer auf eine Reise durch die Literatur und das Leben.

Jeder gute Theaterabend ist eine Reise in einen fremden Kopf, ein fremdes Herz, ein fremdes Leben – ob nun in eines direkt vor der Haustür oder am anderen Ende der Welt. Seltener wird das Reisen selbst zum Thema auf der Bühne, das findet eher in der Literatur statt, in den Aufzeichnungen von Humboldt, Goethe oder Twain.

Der Regisseur Philipp Preuss hat mit dem Schauspieler Felix Römer im Studio der Schaubühne nun aus den Reiseberichten von über 40 Schriftstellern einen Abend über das Aufbrechen, Wandern und Unterwegssein entwickelt.

Vom Wanderer zum Touristen

In "Voyage" macht sich Felix Römer zwar alle diese Texte zu Eigen, schlüpft in das Ich der fast 50 Schriftsteller – entwickelt daraus jedoch eine einzige Figur, die diese Reise quer durch die Jahrhunderte und die Kulturgeschichte erlebt. Diese Figur ist durchaus Veränderungen unterworfen.

Zu Beginn steht Römer mit dem Rücken zum Publikum und imitiert Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer": Über den Gipfeln ein Mann mit schwarzem Rock und Spazierstock, ein Bein auf einen Felsen gestellt, den Blick über den nebligen Horizont gerichtet. So posiert Felix Römer, wenn er zu reden beginnt.

Gegen Ende hat er sich in einen Urlauber in bunten, zu knappen Shorts verwandelt, Treckingsandalen an den Füßen, den Brustbeutel umgehängt. Auf seinem nackten Oberkörper trägt er noch das Unterhemd als Weißzeichnung – außenherum die krebsrote Haut. Hassobjekt Tourist, das den edlen Wanderer des 19. Jahrhunderts abgelöst hat.

Mashup aus Reisebeschreibungen

Römer durchläuft keine chronologische Zeitreise, die Texte folgen vielmehr dem Jahreskreislauf. Der Frühling wird von einem euphorischen Wanderer durchreist, der von saftigem Gras, plätschernden Wässerchen und Feenapfelbäumchen schwärmt (ein Text von Robert Walser).

Im Sommer folgt man etwa Céline nach Afrika, der über eine funkelnde Sardinendose in der gleißenden Mittagssonne fantasiert und das Mückentrommelfeuer beklagt. Durch den Herbst fliegt Nils Holgersson auf seinen Wildgänsen. Und im Winter geht’s mit Stanislaw Lem auf den Mond, ins völlige Delirium.

Sortiert sind die Texte auch nach sprachlichen Kriterien – oft erschließt sich erst spät, dass Römer schon die Grenze ins nächste Land passiert hat. Ein Mashup aus Reisebeschreibungen also, ein ineinander-Übergehen, ein Grenzen-verwischen.

Schön, wenn sich bekannte Zitate finden und der Mix entschlüsselbar wird. Das ist allerdings selten der Fall: Römer zitiert auch Wilhelm Müller, Friedrich Rückert und Robert Falcon Scott – nur der Programmzettel offenbart ihre Autorenschaft. Das wäre völlig unproblematisch, würden die Sequenzen nicht im Turbospeed vorbei fliegen. Von Sibirien geht’s nach Chile nach Frankreich – der wilde Ritt führt mitunter dazu, dass Landschaften und Gemütslagen recht spurlos vorüberrauschen.

Zu viel Zucker

Felix Römer gehört nicht zu den großen Schaubühnen-Stars, doch das österreichische Duo Preuss-Römer hat schon Thomas Bernhards "Kalkwerk" zum Sprachfunkeln gebracht. Und auch in "Voyage" zeigt Römer, dass er einen anderthalbstündigen Monolog mit Verve stemmen kann.

Kaum steht dieser Schauspieler allein auf der Studiobühne, entwickelt er etwas Besessenes: Mit seinem teuflischen Jack-Nicholson-Charme und seinem Mut zur Selbstentstellung wirkt er viel zu irre, als dass er sich zur Identifikationsfigur eignen würde. Stolpert er dann als Schiffbrüchiger aus der Odyssee über die goldene Drehbühne und spielt, umschlungen von schwarzen Vorhängen, "Windsbraut", ist das zwar hoch pathetisch – doch gleichzeitig ironisch gebrochen.

Als Haare raufendes Rumpelstilzchen, das sich später über die pfeifende Klimaanlage des Kreuzfahrtschiffs beschwert, ist er ohnehin in seinem Element. Allerdings gibt er dem Affen von Zeit zu Zeit zu viel Zucker. Das Untergründige, Tastende, Worte Abschmeckende, das im "Kalkwerk" so fasziniert hat, kommt hier zu kurz.

Philipp Preuss spart ebenfalls nicht an Regiemitteln. Allerlei Performance-Werkzeuge kommen zum Einsatz: Nebelmaschine, Ventilator, Kunstschnee, Glitzerkonfetti, Stimmen und Meeresrauschen sowie Vogelgezwitscher aus dem Off. Am Ende muss natürlich noch Schuberts "Winterreise" erklingen und auch der Popsong "Voyage", letzterer allerdings in der herrlich melancholischen Fassung der österreichischen Songwriterin Soap & Skin.

Schaubühne Berlin: "Voyage" mit Felix Römer; © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Poetisch und komisch

Auf Reisebebilderung verzichtet Preuss zum Glück, wie überhaupt auf jegliche Illustration. Zwar kreisen Diaprojektoren auf der Drehbühne, doch zeigen sie fast ausschließlich beleuchtete Leere, mit der Römer dann spielt. Insgesamt entsteht so weniger eine erzählerische Kulturgeschichtsreise denn ein eklektisch-performatives Projekt.

Frei nach dem Motto "der Weg ist das Ziel" will dieser Abend nirgends hinführen, sondern mäandert durch die mentalen Verfasstheiten beim Reisen, denkt mit Thoreau über das Denken beim Gehen nach und mit Arthur Rimbaud über die Befreiung vom Selbst.

Eine kleine, feine, letztlich auch poetische und komische Performance, die nicht die Welt verändern will – gerade angesichts der Konjunktur aktivistischer Polit-Abende am Theater durchaus schön.

Barbara Behrendt, kulturradio

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