Sony Classic, Kristian Schuller © 2018
Kristian Schuller
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Bühne - Philharmonie Berlin: Sonya Yoncheva singt Verdi

Bewertung:

Die bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva ist in Berlin als Sängerin der Hauptpartie von Luigi Cherubinis "Médée" an der Staatsoper. Und dazwischen singt sie einen Soloabend mit Ausschnitten aus Verdi-Opern. Mit gemischtem Erfolg.

Eine erfolgreiche und gefeierte Sopranistin mit Verdi in der Philharmonie – das sollte doch ein Selbstläufer sein. Aber der Große Saal war nur zu etwa einem Drittel gefüllt. Das kann am Regenwetter und an den Herbstferien gelegen haben, aber sicher noch mehr an den teuren Eintrittspreisen mit Spitzenwerten über 100 Euro. Dazu ist in Berlin einfach zu viel los, als dass man das im Klassiksektor verlangen könnte.

Und man kann Sonya Yoncheva ohnehin derzeit in Berlin erleben – als "Médée" in Luigi Cherubinis gleichnamiger Oper an der Staatsoper. Da hat sich der Konzertveranstalter offensichtlich kräftig verkalkuliert.

Routine und Schongang

Der Abend begann als halbherziges Pflichtprogramm mit einem Repertoire, bestehend aus Teilen von Sonya Yonchevas neuer Verdi-CD. Von elf Stücken war sie gerade mal an sechs beteiligt. Da hat sie sich nicht gerade übernommen.

War sie enttäuscht, dass so wenig Publikum im Saal saß, oder ist sie mit dem Saal nicht zurechtgekommen? In der ersten Hälfte wirkte es teilweise angestrengt, die hohen Töne merkwürdig angeschliffen, die emotionalen Stellen herausgeschleudert, aber kalt. Sicher konnte man auch da die extremen psychischen Konflikte der Figuren in Verdis Opern erahnen, aber es kam nicht über die Rampe. Kein Mut, sich da wirklich hineinzuwerfen. Das klang alles nach Routine und Schongang.

Schöne Ansätze

Nach der Pause kam Sonya Yoncheva gestalterisch mehr in sicheres Fahrwasser. Deutlich zusammenhängender gelang ihr eine große Szene aus "Don Carlos" mit Eindringlichkeit und stimmlichem Selbstvertrauen. Und dass ihr die Violetta in "La Traviata" sehr nahe ist, zeigte sie am Schluss in einem Ausschnitt aus der Sterbeszene zwischen letztem Aufbegehren und Verlöschen.

Das waren hörenwerte Qualitäten, und Sonya Yoncheva zeigt bei Giuseppe Verdi schöne Ansätze, allerdings ist sie noch nicht am Ziel. Schon jetzt wird sie als Anna Netrebko der jungen Generation gefeiert, aber da ist noch Luft nach oben. Die Kunst, dass Verdi zu Herzen geht, ohne zu übertreiben, verlangt nach einer noch genaueren Dosierung der Mittel. Da schießt sie manchmal noch deutlich über das Ziel hinaus.

Familieninterne Lösung

Mit Marin Yonchev war auch ihr sechs Jahre jüngerer Bruder dabei. Als Teenager mit Popsongs erfolgreich, konzentriert er sich jetzt ganz auf die klassische Sängerlaufbahn. Und es ist natürlich schwer an der Seite einer so erfolgreichen Großen Schwester. Sein Anteil an dem Abend war dann auch denkbar gering: im ersten Teil eine Zwei-Minuten-Arie, am Schluss dann im Duett plus Duett-Zugabe.

Er hat immerhin eine angenehme Stimme, nicht besonders voluminös, agierte zunächst extrem aufgeregt, fing sich dann langsam. Aber trotzdem war er an diesem Abend nur Beiwerk. Als dann beide Geschwister zum Trinklied aus „La Traviata“ Walzer tanzten und das Publikum dann auch noch mitklatschte, hatte er seinen Zweck erfüllt.

Orchesterqualität

Für die Begleitung hatte man nicht das sonst übliche Gesangsstarbegleitorchester engagiert, sondern sich mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin für hohe Qualität entschieden. Das ist für das RSB kein Alltag, Oper zu spielen, aber die Kunst, zwischen den schwelgerischen Melodien, den Begleitmustern und der großen pathetischen Geste einen guten Mittelweg zu finden, ohne banal oder kitschig zu werden, ist gelungen. Das war atmosphärisch und stimmungsreich, die Kontraste ausgespielt, einfach zum Genießen.

Das RSB hat die Qualität, die man von ihm gewohnt ist, auch hier unter Beweis gestellt, aber mit Massimo Zanetti einen echten Opernexperten. Den ganzen Abend hat er auswendig dirigiert und das Orchester höchst kompetent durch die Orchesterstücke geleitet, voller Ehrgeiz aus jedem Stück einen Edelstein zu formen. Und diese Orchesterausschnitte waren dann auch tatsächlich die eigentlichen Höhepunkte des Abends

Andreas Göbel, kulturradio

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