"Staatsoper Berlin: Médée"; © Bernd Uhlig
Bernd Uhlig
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Staatsoper Berlin - "Médée"

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Medea ist eine der faszinierendsten Frauengestalten der griechischen Mythologie, die viele Komponisten zu musikalischen Interpretationen inspiriert hat. Auch Luigi Cherubini hat sich mit dem "Medea"-Mythos befasst und seine Oper 1797 in Paris zur Uraufführung gebracht.  

Trotz reißerischen Themas, Verbannung und Kindsmord, hält kaum ein großes Opernhaus Luigi Cherubinis "Médée" im Repertoire. Man braucht eine große Protagonistin. Vor allem aber markiert das Werk einen Umbruch. 1797, schon längst Beethoven-Zeit, folgt es noch immer der festlichen Tragédie-lyrique. Mit Dialogen, die sogar im Versmaß gesprochen werden (in der aktuellen Aufführung meist gestrichen).

Berühmtheit hat das Werk durch Maria Callas erlangt, die vier Gesamtaufnahmen davon hinterließ. Und schon sind wir ganz nah am Problem, das der Staatsopern-Premiere zu schaffen macht. Die Originalsprache ist nämlich Französisch, aber die Besetzung italienisch. Der Sieg nach Punkten, der sich einstellte, galt eher den Mitwirkenden. Nicht dem Werk.

Medea als schamanische Rache-Urmutter

Daniel Barenboim hatte es sich von Andrea Breth gewünscht. Nicht schiefergrau, auch nicht mausgrau, sondern diesmal resopal- oder zementgrau ist das Drehbühnenbild von Martin Zehetgruber. Wir sehen in Lagerräume mit Rolltoren und Stahlbelüftungsschächten. Man fragt sich schon, wie sich die Argonauten oder der König von Korinth hierher verirren könnten.

Medea, mit gefärbter Haut (fast Blackfacing), ist nicht nur Ausgestoßene, sondern schamanische Rache-Urmutter. Teilweise ist es sinnfällig, wenn etwa das Goldene Vließ als Kunstraub in Kisten verpackt wird. Dennoch, denkt man, ist der Breth nicht richtig was eingefallen.

Große Protagonistin

Eine große Protagonistin hat man! Bei Sonya Yonchenva, mit einem der größten Soprane der Gegenwart, fliegen die Boomerangs tief. So dass man gelegentlich den Kopf einzieht. Klasse! – trotz aufkommenden Mittelwellen-Tremolos.

Zu kehlig: Charles Castronovo als Jason. Wagner-Sänger Iain Paterson ist als Kreon fundamental fehlbesetzt. Weit besser: Elsa Dreisig in der kleinen Rolle der Glauke (Dircé). Am Besten, weil sie Töne kunstvoll deckelt: Marina Prudenskaya in der noch kleineren Rolle der Néris. Nach ihrer stilgerecht gesungenen Arie reißt sich sogar Yoncheva kurzfristig zusammen.

"Staatsoper Berlin: Médée"; © Bernd Uhlig
Bild: Bernd Uhlig

Nicht besonders neu oder geschmackvoll

Für Daniel Barenboim ist es nicht wirklich das richtige Stück. Das Orchester zählt keine 50 Musiker, wurde also auf Kammermusikgröße zusammengeschmolzen. Trotzdem führt der glanzlose, mehltauige, höchstens naturschepprig hübsche Klang zu einer merkwürdigen Mischform. Der französischen Originalfassung kommt man nicht auf die Spur sondern geht ihr nur italienisch auf den Leim.

Die Aufführung ist kein Misserfolg, dafür wird das Werk auf zu hoher Flamme verkocht. Ich glaube nur nicht, dass einem historischen Werk noch mit derlei Superwaffen beizukommen ist. Diese "Médée" wirkt wie ein Vorläufer zu "Tosca". Daran mag ein Körnchen Wahrheit sein (wofür Cherubini nichts konnte). Besonders neu oder geschmackvoll scheint mir die Erkenntnis nicht.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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