Schlosspark Theater Berlin | Was zählt, ist die Familie! © DERDEHMEL/Urbschat
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Schlosspark Theater Berlin - "Was zählt, ist die Familie!"

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Boulevard-Theater mit Tiefgang

Seit gut zwei Jahrzehnten gehört das Stück zu den Dauerbrennern auf x Boulevard-Bühnen im deutschsprachigen Raum. Was nicht verwunden kann: Der italienischstämmige US-amerikanische Autor Joe DiPietro hat damit guten Schauspielern eine Steilvorlage fürs Brillieren und ein intelligentes Vergnügen fürs Publikum geschaffen.

Erzählt wird von zwei Senioren-Paaren und ihrem erwachsenen Enkel. Er will, um der Karriere willen, New York Richtung Seattle verlassen. Seine Großeltern, längst vom Rest der Familie örtlich getrennt, wollen ihn, wenigstens ihn, an sich binden. Sie bestehen darauf, dass Familie das A und O des Lebens sei. Um ihn am Weggehen zu hindern, fädeln sie ein Blind-Date mit einer jungen Frau ein. Und, ja, die beiden jungen Leute sind einander sympathisch. Aha: Boulevard-Klamotten-Routine. Weit gefehlt! Die Handlung nimmt überaus überraschend einen ganz anderen Gang als es im Gros der Komödien üblich ist. Und sie erreicht eine erstaunliche Tiefe. Es geht nämlich rasch um harte Themen wie Krankheit und Tod ...

Klug inszeniert

Regisseur Anatol Preissler hat klug inszeniert. Er setzt auf die zündenden Pointen, bei denen der Witz oft aus Bitterkeit erwächst, und auf das Können seiner Akteure. Und die können’s! Da, wo das Stück gefährlich nah ans Rührselige kommt, fangen sie es mit wohltuender Unaufgeregtheit, mit ihrem Können und vor allem mit ihren Persönlichkeiten auf. Letzteres ist entscheidend: Die Präsenz der Schauspieler sorgt dafür, dass die Wahrhaftigkeit nie irgendwelchen Effekten geopfert wird. Da wundert’s am Ende nicht, dass im Publikum manche Träne fließt, ausgelöst von echter Erschütterung.

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Anita Kupsch gelingt ein kleines Theaterwunder

Jede Schauspielerin, jeder Schauspieler hat mindestens einen großen Moment, darf die ernsthafte Auseinandersetzung des Stücks mit den Tücken des Lebens bei allem Witz aufblitzen lassen. Anita Kupsch aber gelingt zum Finale ein kleines Theaterwunder. Sie spielt die Aida, eine sich unentwegt um das leibliche Wohl der Menschen um sie herum sorgende Frau. Gibt’s Probleme, trägt sie Essen auf. Selbst gekocht, ganz klar. Das ist erst einmal nur vergnüglich. Zum überraschenden – und von der Regie überzeugend märchenhaft inszenierten –Schluss trumpft Anita Kupsch dann als große Charakterinterpretin auf: Mit wenigen Worten, präziser Körpersprache, minimalistischer Mimik zeigt sie in ein, zwei Minuten, länger dauert’s nicht, wie sich ein Menschenleben erfüllt, offenbart die unbarmherzige Strenge des Alterns und lässt zugleich eine unbändige jugendliche Lebenslust aufblitzen. Nein – das ist kein ausgeklügeltes Regie-Theater, das ist kein Kommentar zur politischen Gegenwart, das ist nicht modern. Dieser Abend ist auf herrlich altmodische Art ein Plädoyer für Altmodisches, das es zu erhalten gilt: Menschlichkeit im Umgang miteinander, Respekt füreinander, Liebe im allumfassenden Sinn. Das ist Unterhaltung von Format!

Peter Claus, kulturradio

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Überfordert von Plastikmüll und Klimawandel: Tina Müller hat auf der Grundlage des Horváth-Romans "Jugend ohne Gott" recherchiert, nach welchen Maßstäben junge Menschen heute leben – ein plausibles, aber schmales Generationenporträt, das Nurkan Erpulat mit energiegeladenen Spielern inszeniert.

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