Hans-Otto Theater - William Shakespeare: "Othello"

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Wer heute „Othello“ aufführt, muss sich vor allem eins fragen: Wie besetzt er die Titelrolle – in Shakespeares Drama ein schwarzer Heerführer, der den Venezianern große Kriegserfolge beschert.

Das Blackfacing, also das Schwarzanmalen eines weißen Schauspielers, ist mittlerweile als rassistische Theatertradition gebrandmarkt. Darf also nur noch ein schwarzer Schauspieler den Othello spielen? Aber: Sollte nicht jeder Schauspieler in jede Rolle schlüpfen dürfen? Am Hans Otto Theater ist nun eine Othello-Bearbeitung zu sehen, die die neue Intendantin Bettina Jahnke aus ihrer alten Wirkungsstätte in Neuss mit nach Potsdam gebracht hat. Inszeniert hat Mario Holetzek, der ehemalige Schauspielintendant in Cottbus.

Das Fremde an sich soll thematisiert werden

Den Othello gibt Andreas Spaniol, ein weißer Schauspieler. Mit seiner schneeweißen Perücke wird er abwechselnd als "Drecksalbino" und als "Nigger" beschimpft. Das irritiert und soll auch irritieren. Zu Beginn fragt dieser Othello: "Bin ich zu weiß oder nicht weiß genug? Bin ich zu schwarz oder nicht schwarz genug?" Das Fremde an sich soll also thematisiert werden. Othello ist eine Projektionsfläche für all das, was uns als "andersartig" aufstoßen könnte. Das Problem ist nur: Dieser Othello wirkt weder von seinem Äußeren noch von seinem Auftreten her fremd, seine Andersartigkeit bleibt eine bloße Behauptung der Regie. Dieses um die Ecke gedachte weiße Außenseitertum ist ein verkopftes Konstrukt, das nicht recht zur Inszenierung passen will.

Denn Mario Holetzek setzt ansonsten ganz auf emotionale Einfühlung, bis hin zu Rührung und Sentimentalität. Der Abend ist durchzogen von diversen Klangteppichen: Ein Pianist unterlegt emotionale Situationen mit trauriger Musik; eine Art Filmmusik wird hochdramatisch eingespielt und es wird gesungen – Joachim Berger, der Desdemonas Vater gibt, singt im Finale, wenn sich alle ermorden, wunderbar Henry Purcells "Cold Song". Das will emotional überwältigen.

Othello im Hans Otto Theater © Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Das Bühnenbild und Shakespeares Sprachklang

Holetzek inszeniert zudem mit deutlichen Zeichen. In der ersten Szene sind alle Schauspieler in venezianische Masken und Kostüme gehüllt und veranschaulichen so augenfällig die Frage nach dem "Schein oder Sein". Auf der nebligen Bühne ragen graue Mauern zur Decke, die ein Labyrinth andeuten; in der Bühnenmitte steht zudem ein Billardtisch, an dem Jago mit seinen Kontrahenten nicht nur Kugeln stößt, sondern seine Machtspielchen einfädelt. Der Regisseur hat die zeitgeistige Übersetzung von Marius von Mayenburg gewählt, um das Stück leicht zugänglich zu machen – darin wird Othello gern mal als "Freak" tituliert und Desdemona als "Schlampe". Von Shakespeares Sprachklang bleibt kaum etwas übrig. Diese Barrierefreiheit muss nichts Schlechtes bedeuten, sie kann den Stoff durchaus nah heranholen. Sie geht nur schwer zusammen mit dem Konstrukt eines Othello als emotionaler Leerstelle.

Der Nihilist Jago

Der mit Abstand spannendste Charakter des Stücks ist allerdings schon bei Shakespeare nicht Othello, sondern Jago. Mit welcher Intelligenz, teuflischer Genialität und amoralischer Zauberkunst dieser Nihilist seinen einstigen Gott Othello in die Abgründe der Hölle befördert, ist faszinierend böse.

So auch hier. Michael Meichßner ist ein großartiger Jago, weil er die wichtigsten Eigenschaften dieser Figur versammelt. Wenn er seinem sogenannten „Freund“ Roderigo Ratschläge gibt, wie der seine Angebetete Desdemona zurückgewinnen kann, möchte man sich einen Kumpel wie Jago nur wünschen. Meichßner gibt ihn als Menschenfänger und lustvollen Zocker, der völlig von sich selbst berauscht das tödliche Intrigen-Gift mischt. Es ist schrecklich unterhaltsam, wie dieser Teufel seine Pläne ausheckt.

Othello im Hans Otto Theater © Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Durch und durch konventionell

Ästhetisch ist es allerdings kaum nachvollziehbar, weshalb Bettina Jahnke die Produktion von Neuss nach Potsdam mitgebracht hat. Die Inszenierung ist durch und durch konventionell – war aber wohl leicht transferierbar, da zwei der sechs Schauspieler, auf die Holetzek den Abend reduziert hat, mit ins Potsdamer Ensemble gewechselt sind, darunter der Othello.

Gerade er bleibt jedoch die Schwachstelle der Inszenierung – den stolzenFeldherrn, den jemand wie der kluge Jago bewundert, nimmt man Spaniol zu keiner Zeit ab. Auch nicht den rasend Eifersüchtigen, der seine vermeintlich untreue Ehefrau tötet. Weder ist er hier der Fremde noch Opfer der fremdenfeindlichen Gesellschaft, sondern allein das Opfer von Jagos Machtspielen.

Othello im Hans Otto Theater ©Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Wie hier allerdings das unschuldige Liebespaar von Jago in den Höllenschlund getrieben wird, ist durchaus bewegend. Zwar, wie gesagt, mit viel rührseliger musikalischer Unterstützung – doch das Publikum leidet bei dieser Liebestragödie sichtlich mit. Allein wegen Michael Meichßner als Jago lohnt dieser Abend. Wenn er am Ende, als Othello sich in sein Schwert stürzt, zusammenbricht, weil er merkt, dass er mit Othello auch alles in sich selbst zerstört hat, all seinen Hass und all seine Liebe, kann das durchaus ergreifen. Schade, dass er nur als Gast auf der Bühne steht und Jahnke ihn nicht ebenfalls von Neuss fest ins Potsdamer Ensemble integriert hat.

Barbara Behrendt, kulturradio

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