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Berlin-Premiere in den Wühlmäusen - "Mathias Richling und 2084"

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George Orwells Roman "1984" schreckt heute niemanden mehr. Zu sehr ist die Utopie von der Realität eingeholt worden. Zeit also, weiter voraus zu schauen. Das übernimmt der Kabarettist Mathias Richling in seinem neuen Programm. Alles nichts oder?

Seit über 30 Jahren ist der schwäbische Kabarettist und Schauspieler Mathias Richling mit seinen politischen Satiren im deutschen Fernsehen zu sehen, mal mit seinen eigenen Programmen wie "Jetzt schlägt´s Richling", mal als Stammgast im "Scheibenwischer". Auch mit seinen Auftritten auf den Kabarett-Bühnen landauf, landab hat er immer wieder große Erfolge gefeiert. Jetzt macht er bei den Berliner "Wühlmäusen" Station und präsentiert dort sein neues Programm: "Richling und 2084". Laut Presse-Vorankündigung will Richling mit seinen neuen satirischen Seitenhieben George Orwells legendären Roman "1984" von Heute aus in die nahe Zukunft weiterdenken und uns das politische Gruseln lehren. 

Alles und nichts

Unter dem Eindruck von Faschismus und Stalinismus hat Orwell die düstere Zukunft eines Überwachungsstaates entworfen, der sich im Dauerkrieg mit seinen Nachbarn befindet. Da wäre es interessant zu erfahren, wie die Zukunft aussieht, die Richling uns prognostiziert. Doch der Titel "2084" ist reiner Etikettenschwindel. Richlings Morgen liegt im Heute. Einmal, nach ungefähr 10 Minuten und mindestens 10 im verbalen Sprint vorgetragenen politischen Themen, kommt er kurz auf Orwell zu sprechen, entwirft eine Regierungserklärung für 2084, die sich anhört, als sei sie von heute: immer noch Eurokrise und Flüchtlingsdrama.

Nur Kanzlerin Merkel ist inzwischen zur Greisin mutiert. Ansonsten orgelt Richling den ganzen Abend über alles durch, was die derzeitige politische Agenda bestimmt: Trumps "America First" und Putins Hacker-Angriffe auf den Westen, den Brexit und den Sinkflug der SPD, die aus Angst vor dem Tod Selbstmord begeht. Die CDU, die ihren politischen Kompass verloren hat, und die AfD, die in trüben nationalistischen Gewässern fischt. Es geht um Rüstungsexporte und islamischen Terror, den Streit mit der Türkei, um Gen-Forschung und ums Klonen, um alles und nichts, und jedes Thema wird kurz durch die rhetorische Mangel gedreht und durch den politischen Kakao gezogen. Nichts wird gesagt, was man nicht schon tausendmal gehört, und kein Witz wird gemacht, über den man nicht schon tausendmal gelacht hätte. 

Akustischer Blödsinn im Zustand politischer Dauer-Erregung

Die Bühne erinnert an einen billigen Science-Fiction-Film: überall silbrig schimmernde, transparente Plastikstelen, überall die Augen des "Großen Bruders", die uns den Überwachungsstaat imaginieren sollen, aber dann doch nie zum kabarettistischen Thema werden. Im Hintergrund eine Leinwand, auf der die Konterfeis der Personen erscheinen, die gerade verhöhnt werden: Merkel und Seehofer, Nahles und Putin, Trump und Erdogan, Sarrazin und Schäuble, Lindner und Hofreiter usw. usf. Die Anzahl der Fotos ist genauso groß wie die Palette der Themen, die abgehobelt werden. Doch nie weiß man so recht, wo Richling eigentlich steht und was er uns sagen will - außer dass die Welt und die Sprache zur Beschreibung der Welt völlig verrückt geworden ist.

Richling trägt keine Merkel-Perücke und kein Trump-Toupé, aber mal eine Papp-Krone, wenn er die Queen persifliert, und eine braune Kutte, wenn er Luther karikiert. Er schlüpft sprachlich, gestisch, mimisch in die Figuren, deren Porträts wir gerade auf der Leinwand sehen, alles wird verdoppelt und verdreifacht, damit auch der Dümmste mitkommt.

Dazu hüpft er als Springteufel über die Bühne, hangelt sich von einem bewussten Stotterer und einem bewussten Versprecher zum nächsten, zeigt (gefühlt) hundertmal die Merkelsche Raute, veräppelt das Schwäbische von Ministerpräsident Kretschmann, das Bayrische von Minister Seehofer, bei Trump muss ein Klischee-Amerikanisch, bei Putin ein Klischee-Russisch, bei Macron ein Klischee-Französisch herhalten und wird zu einem akustischen Blödsinn im Zustand politischer Dauer-Erregung vermengt.   

Flaue Pointen

Die Pointen sind flau, die Erkenntnisse überschaubar, der Unterhaltungswert minimal. Das Gezappel und Getue kann einem gehörig auf die Nerven gehen. Kabarettistische Nullnummern für Richling-Fans, die genau das bekommen, was sie hören wollen. Nichts Neues oder gar Überraschendes. Manche Witze haben einen peinlich sexistischen Beigeschmack, peinlich auch, dass Richling die Zuschauer animiert, in der Pause seine neues Buch ("Deutschland to go") zu kaufen, das er im Sonderangebot verramscht und signiert. Auffällig, dass viele Stühle im Zuschauerraum leer bleiben, dessen letzte Reihen ohnehin mit einem Vorhang verdeckt sind. Die Zeit, da Rohling einmal ein bedeutender politischer Kabarettist war, ist erkennbar vorbei.

Frank Dietschreit, kulturradio

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