Staatstheater Cottbus, © Marlies Kross
Staatstheater Cottbus, Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - Staatstheater Cottbus, Kammerbühne: "Kabale und Liebe"

Bewertung:

Der Adlige Ferdinand liebt Luise. Und Luise liebt Ferdinand. Doch alles scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Der Regisseur Jo Fabian beschäftigt sich in Cottbus mit Schillers "Kabale und Liebe". Oliver Kranz hat die Premiere besucht.

Es ist völlig korrekt, wenn auf dem Programmzettel "Kabale und Liebe" NACH und nicht VON Schiller angekündigt wird. Ehrfurcht vor Klassikern ist nicht Jo Fabians Sache. Er hat viel Text gestrichen und einen neuen Schluss erfunden, aber die Liebesgeschichte von Luise und Ferdinand wird trotzdem schlüssig erzählt. Es gibt jede Menge Stilbrüche, manchmal  donnern sogar Songs von Rammstein ins Geschehen hinein, und doch wirkt die Inszenierung wie aus einem Guss – Jo Fabians Bildertheaterästhetik macht's möglich.

In schrillsten Tönen

Das Geschehen wird aus jedem Alltagsrealismus herausgehoben. Es wird federleicht mit Zeichen und Symbolen gespielt, die wiederum einen klaren Bezug zur Geschichte haben. Das zentrale Bild der Inszenierung ist eine Stuhlreihe, die auf einem hohen Podest steht. Links sitzt links die bürgerliche Familie Miller, rechts der Hofstaat um den Präsidenten Von Walter. Der Präsidentensohn Ferdinand ist anfangs bei den Millers, wird dann aber zwischenzeitlich auf die andere Seite hinübergezogen. Man kann immer klar erkennen, wo gerade die Linie zwischen den Konfliktparteien verläuft.

Genauso hat Jo Fabian das Stück schon einmal inszeniert – vor sechs Jahren im Theater an der Ruhr in Mühlheim. In Cottbus hat er das Konzept jetzt noch einmal umgesetzt, in einer außerordentlich dichten und bildstarken Inszenierung. Die Kostüme verweisen aufs Rokoko, im Verhalten der Figuren ist sehr viel Heutiges zu erkennen. Ferdinand trägt eine punkig zerzauste Perücke, er hat ein weiß geschminktes Gesicht und schwarz umrandete Augen, wodurch er wie ein Gruftie wirkt. Boris Schwiebert, der den jungen Helden spielt, trägt teenagerhafte Coolness zur Schau. Bei Jo Fabian müssen Haltungen vorgezeigt und nicht naturalistisch erspielt werden – und das gelingt auch den anderen Darstellern perfekt. Sophie Bock als Luise strahlt Ferdinand an, wird aber zur Furie, als ihr ihre Eltern den Umgang mit dem Geliebten verbieten wollen. Da kreischt sie in den schrillsten Tönen, stellt sich an den Rand des Podests und droht hinabzuspringen – und ihr Papa lenkt sofort ein.

Staatstheater Cottbus, © Marlies Kross
Bild: Staatstheater Cottbus, Marlies Kross

Fast eine Groteske

Jo Fabian hat ganz nebenbei auch eine heutige Eltern-Kind-Beziehung auf die Bühne gebracht. Wenn das Töchterlein zu weinen beginnt, gehen alle Prinzipien über Bord. Luise darf alles, die überengagierten Eltern wollen aber auch immerzu bei ihr sein. Wie sie sich zwischen Luise und Ferdinand drängen, als die beiden allein sein wollen, ist hochkomisch – zumal Jo Fabian gleichzeitig noch den Sekretär Wurm auftreten lässt, der beim Vater um Luises Hand anhält. Da läuft einiges gleichzeitig ab, was bei Schiller nacheinander passiert.

Den Überblick behält man trotzdem, weil die Bilder eindeutig sind. Ferdinand umgarnt Luise wie ein verliebter Kater. Er kriecht tatsächlich auf allen Vieren an sie heran und miaut, während Wurm sich, wie eine Schlange unter ihren Stuhl schlängelt. Er ist ja auch derjenige, der die Intrige spinnt, die die beiden auseinander bringt. Ferdinand glaubt, dass Luise ihn betrügt und rastet völlig aus. Für diese Szene lässt Jo Fabian eine Windmaschine einschalten, die äußerlich den Sturm entfacht, der auch in Ferdinands Inneren wütet. Er geht auf die Knie, schüttelt sich vor Schmerz und brüllt immer wieder den Namen seines vermeintlichen Widersachers. Das ist ein Bild, das sich festhakt.

Ein effektvolles Schlussbild

Der Schluss gehört Ferdinands Rache. Er vergiftet nicht nur Luise, sondern auch alle anderen – die Schuldigen und die Unschuldigen gleichermaßen. Und am Ende tötet er sich selbst. Musik von Rammstein dröhnt über die Bühne – "Mein Herz brennt" – der Soundtrack für einen Amoklauf. Die Toten stehen auf und fangen an zu tanzen – ein düsteres, aber auch effektvolles Schlussbild für eine Klassikerinszenierung, die das Publikum mit vielen frischen Eindrücken beschenkt.

Oliver Kranz, kulturradio