Staatstheater Cottbus: My Fair Lady mit Eve Rades (Eliza Doolittle); © Klaus Gigga
Klaus Gigga
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Staatstheater Cottbus - "My Fair Lady"

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"Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen": Das fällt einem als Musicalfan sofort ein, wenn von "My Fair Lady" die Rede ist. 1956 uraufgeführt, wurde dieses Stück schnell zum Dauerbrenner – und es hat anscheinend nichts von seiner Faszination verloren.

Die Geschichte des Blumenmädchens aus der Gosse, das durch die rüde Erziehung von Professor Henry Higgins zur feinen Dame wird, basiert auf dem gesellschaftskritischen Schauspiel "Pygmalion" von George Bernard Shaw und lebt vor allem von musikalischen Glanznummern.

Am Samstagabend erlebte "My Fair Lady" nun Premiere am Staatstheater Cottbus in der Inszenierung von Michael Wallner, die musikalische Leitung hatte Alexander Merzyn. Aufgeführt wurde die bekannte deutsche Textfassung von Robert Gilbert, einst geschaffen für das Berliner "Theater des Westens".

Michael Wallner erzählt die Handlung, wie man es aus der Broadwayproduktion oder den Verfilmungen kennt. Die Handlung spielt in London um 1900, auch die Bühne von Till Kühnert und die Kostüme von Nicole Lorenz verweisen auf diese Zeit.

Die meisten Szenen lässt der Regisseur in der Villa von Henry Higgins spielen, in einem Saal mit mächtigen Säulen aus schwarz-grauem Marmor, die mit Köpfen mythologischer Gestalten verziert sind: detailgetreuer Jugendstil, dazu ein passender Kamin, in dem ständig das Feuer lodert. Das Ganze korrespondiert übrigens hervorragend mit dem Jugendstil-Interieur des Cottbuser Staatstheaters.

Staatstheater Cottbus: My Fair Lady mit Andreas Jäpel (Oberst Pickering), Ulrich Schneider (Alfred P. Doolittle), (liegend) Eve Rades (Eliza Doolittle) und Holger Hauer (Henry Higgins); © Klaus Gigga
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Chance vertan

Bevor sich der Vorhang öffnet, sieht man allerdings riesige Panoramafotos des modernen London. Da hätte man vermuten können, dass es moderne Bezüge geben wird, aber dem war nicht so. Es gibt keinerlei Reminiszenzen an unsere Zeit – und da hat Wallner schlicht eine Chance vertan. Man braucht nur an die unselige Komödie rund um den sogenannten Brexit zu denken, die sich gerade vor unser aller Augen abspielt.

Die Figur Henry Higgins zeigt ja genau diese unsägliche Arroganz, die die Briten in ihre derzeitige Situation gebracht hat, nach dem Motto "Ich bin der Größte, ich weiß alles, mir kann keiner. Und das Blumenmädchen Eliza ist nichts weiter als das Material in meiner Hand, das zeigt wie toll ich bin."

Da hätte man wunderbar den derzeitigen Zustand der britischen Gesellschaft aufs Korn nehmen können, aber nichts dergleichen passierte. Es wird die Geschichte als Kammerspiel erzählt, mit Chor- und Tanzeinlagen, viel zu viel Zugeständnis an ein vermeintlich "unpolitisches" Publikum, eine verschenkte Chance! Zudem lässt es Michael Wallner an manchen Stellen auch an Personenführung missen ...

Staatstheater Cottbus: My Fair Lady mit Hardy Brachmann (Freddy Eynsford-Hill) und Eve Rades (Eliza Doolittle) sowie Damen und Herren des Balletts; © Klaus Gigga
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Herzerfrischend sinnlos

Höchst amüsant sind allerdings die Tanzeinlagen – da hat sich Choreograf Bart De Clercq einige Gags einfallen lassen, die das Ganze auch über die Handlung hinaus lebendiger machen. Urkomisch z.B. die Szene, in der Elizas Verehrer Freddy seinen Ohrwurm schmettert "In der Straße, mein Schatz, wo du lebst". Da tauchten Tänzerinnen und Tänzer in klassischen Londoner Polizeiuniformen auf und umtanzten den verliebten Gockel – ein "Bobby-Ballett" mit Polizeihelm und Schlagstock. Das war komisch und herzerfrischend sinnlos. Dadurch wurde es, trotz der "werktreuen" Inszenierung dann doch nicht langweilig.

Die musikalischen Leistungen waren insgesamt sehr in Ordnung, wobei eine Praxis zu hinterfragen wäre. Die Protagonisten haben allesamt mit Mikroport gesungen – das hat sich leider generell im Genre Musical eingebürgert. Dieses Genre ist in den letzten Jahrzehnten immer popmusiklastiger geworden, deshalb ist das heute Gang und gäbe.

Frederick Loewes Musik zu "My Fair Lady" ist allerdings noch sehr von der Operette geprägt. Da braucht man so etwas absolut nicht. Die hervorragenden Solisten hätten alles auch ohne elektronische Verstärkung gemeistert.

Gut besetzt

Die junge Berlinerin Eve Rades gab eine anfangs herrlich freche Eliza, bei der man merkte, dass ihr das "Icke, dette, kieke mal" wirklich aus dem Herzen kam. Und die ihre Mutation zur Dame der Gesellschaft herrlich auslebte auf der Bühne. Holger Hauer gab einen herrlich fiesen Professor Higgins, der aber auch am Schluss die Verletzlichkeit unter seiner rauen Schale gut zur Darstellung brachte.

Holger Hauer und Eve Rades sind beides Gäste, aus dem Ensemble besetzt wurde die Rolle des Freddy mit Hardy Brachmann. Der ist wirklich ein Urgestein des Cottbuser Staatstheaters, hat alles perfekt gemacht, wirkte allerdings gegenüber der doch sehr jungen Eve Rades etwas "dandyhaft". Den jugendlichen Liebhaber hat man ihm nicht mehr abgenommen.

Gut besetzt sind auch die weiteren Rollen, etwa die Ensemblemitglieder Andreas Jäpel als Oberst Pickering und Gesine Forberger als Mutter von Higgins. Da blieben keine Wünsche offen.

Feingefühl für Tanzrhythmen

Der junge kommissarische Generalmusikdirektor Alexander Merzyn am Pult hatte die Fäden gut in der Hand, zeigte vor allem auch das nötige Feingefühl für die verschiedenen Tanzrhythmen, bei der Ascot-Gavotte z.B. oder beim "Embassy Waltz". Störend allerdings war das sehr dominante Schlagzeug, wahrscheinlich auch ein Zugeständnis an die Popkultur. Im Blech hat es gelegentlich gewackelt, die Streicher waren, wie man es in Cottbus gewohnt ist, sehr gut.

Fazit: Der Daumen des Kritikers liegt zwischen "mittig" und "oben". Das liegt einerseits am langweiligen Regiekonzept und anderseits an der elektronischen Verstärkung des Gesangs und den kleineren Schwächen im Orchester. Aber wer den Musicalklassiker "My Fair Lady" mag und gerne mal wieder sehen möchte, der kommt in Cottbus auf jeden Fall auf seine Kosten. So er eine Restkarte ergattert – denn die Vorstellungen sind bis nächsten Sommer alle ausverkauft.

Claus Fischer, kulturradio

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