Berliner Ensemble: Die Verdammten © Matthias Horn
Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Die Verdammten"

Bewertung:

Eine Industriellen-Familie vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus: In seinem Film  inszenierte Regisseur Luchino Visconti Dekadenz und Selbstzerstörung als Tableau. Mit welchem Erfolg David Bösch "Die Verdammten" nun als Theaterstück ans Berliner Ensemble bringt, weiß Barbara Behrendt.

Wörtlich übersetzt hieße Luchino Viscontis Filmklassiker aus dem Jahr 1969 "Der Fall der Götter"; berühmt wurde er dann aber unter dem Titel "Die Verdammten". Der italienische Star-Regisseur nahm in diesem seinem Spätwerk die unrühmliche Geschichte der Familie Krupp im Nationalsozialismus als Vorlage, um von einer Industriellenfamilie zu erzählen, die sich von den Nazis korrumpieren lässt um im Krieg Geld zu machen – und dabei unaufhaltsam in den Untergang steuert.

Grelle Nazi-Symbolik

David Bösch ist nicht der Erste, der den 50 Jahre alten Film für die Bühne adaptiert hat, auch Stephan Kimmig, Karin Henkel und Elmar Goerden haben sich daran versucht – am positivsten wurde die Arbeit des Belgiers Ivo van Hove aufgenommen, der Visconti 2016 als Drama von Shakespearscher Wucht inszenierte. Bösch belässt den Stoff, bis auf ein paar Videobilder von Willy Brandt und Helmut Kohl, mit denen er den Fortgang der Geschichte skizziert, wie Visconti in den 1930er Jahren. Subtil kann man seinen Stil nicht gerade nennen: Hakenkreuze werden an die Wand projiziert und Bilder von marschierenden Soldaten in Nazi-Uniform; auf der Bühne tritt der Sturmbandführer Aschenbach in SS-Kostümierung an, Soldaten singen Propaganda-Lieder, Bücher werden verbrannt.

Diese grelle Nazi-Symbolik soll wohl die ausstattungsreiche Opulenz des Films ersetzen – denn auf sie verzichtet Bösch ganz und gar: Auf der schwarzen Bühne steht nichts als eine lange, gedeckte Tafel, wie man das von den großen Familienschlachten im Theater kennt – hier kommt der Clan zum Essen und zu seiner eigenen Auslöschung zusammen. Einziges Relikt aus den guten Adelstagen: der glitzernde Kronleuchter überm Diner. Zwischen Rauchschwaden lässt Bösch den Film in diesem düsteren Ambiente als geschlossenes Drama weitgehend nachspielen.      

Als "La caduta degli dei" 1969 herauskam, hatte die Kritik durchaus Einwände gegen diese Mischung aus Polit-Historie und Familiendrama. Begründung: Die historische Brisanz, die in der Geschichte der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie steckt, werde geschwächt, indem Visconti sie als großes Melodram erzählt. An diesem Vorwurf ist durchaus etwas dran: Die Familienmitglieder sind derart verfangen in inzestuösen Beziehungen, pädophiler Sexualität, Rachefantasien und Machtbesessenheit, dass sie wie Symbolfiguren einer pathologischen Gesellschaft wirken, die aufgrund ihrer Geldgier Hitler den Krieg finanziert.

Zuerst wird der skrupulöse, altadlige Patriarch Joachim von Essenbeck an seinem Geburtstag aus dem Weg geschafft und sein Mord dem nazi-kritischen Herbert in die Schuhe geschoben. Später fädelt der Sturmbandführer den Mord am Erben Konstantin ein, der ihm nicht regimetreu genug ist. Eine große Strippenzieherin ist die Cousine des SS-Manns, Sophie von Essenbeck. Ihren labilen und pädophilen Sohn Martin, den wahren Erben des Imperiums, hält sie in emotionaler Abhängigkeit zu sich, bis der sie völlig in den Abgrund stürzt. Die Familie löscht sich aus – als Gewinner bleiben die Nazis.

Berliner Ensemble: Die Verdammten © Matthias Horn
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Zwischentöne gleich Null

Bösch, ein Regisseur, der auf das Menschliche im Theater setzt, auf Poesie, Atmosphäre, Einfühlung, verzichtet im dunklen, leeren Bühnenraum auffällig stark auf Stimmungen – und konzentriert sich auf seine Schauspieler. Mit ihnen soll vor der gefährlichen Mischung aus Politik und Wirtschaft gewarnt werden. Doch wenn dieser Abend mehr sein will als eine Geschichtsstunde, in der die Zuschauer guten Gewissens gegen den korrupten Geldadel und die bösen Wirtschaftsbosse da oben wettern dürfen, braucht es Figuren, die uns die Verführbarkeit der Macht nahebringen, die unsere eigenen Schwächen spiegeln. Bösch aber streicht zwar Viscontis melodramatisches Opern-Pathos – hält jedoch an den überzeichneten Symbolfiguren fest, die sich in den Dialogen überdeutlich erklären. Zwischentöne gleich Null. Zu sehen ist ein pathologisches Kuriositätenkabinett, das kein Fünkchen Empathie hervorkitzeln kann.

Unglaubwürdig

Erstaunlich eigentlich, schaut man sich all die prominenten Namen auf dem Besetzungszettel an: Wolfgang Michael, Corinna Kirchhoff, Nico Holonics, Martin Rentzsch, Peter Moltzen. Bösch kann sich nicht recht entscheiden, ob er sie nun grell und fratzenhaft überzeichnen will – oder doch auf psychologisch-realistische Nachvollziehbarkeit Wert legt. Zwischen diesen Polen changierend wirken die Spieler dann schlicht unglaubwürdig.

Am problematischsten tritt das bei Corinna Kirchhoff in der Rolle der Sophie von Essenbeck zutage. Bei Viscontis ist sie eine zuckersüß lächelnde, begehrenswerte Frau, die den sie vergötternden Liebhaber für den eigenen Machtgewinn missbraucht. Kirchhoff gibt sich alle Mühe, sie alt und verhärmt aussehen zu lassen, ein totes Eisgesicht, eine schnarrende Stimme. Schon klar: Sie soll eine blutrünstige Lady Macbeth sein – Visconti hat seinen Film an das Shakespeare-Drama angelehnt, Bösch lässt sogar Macbeth-Zitate einfließen und Verdis Oper spielen. Doch diese Sophie ist nichts als eine unerträgliche Schreckschraube, deren Mann völlig irre sein muss. Peter Moltzen gibt ihn als überzogen fahrigen, stotternden Emporkömmling, den eine Art Ödipus-Komplex an seine hyperdominante Gattin fesselt.

Berliner Ensemble: Die Verdammten © Matthias Horn
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Überzeichnet

Der pädophile Martin, im Film Helmut Bergers Paraderolle, ist ohnehin ein Freak. Nico Holonics spielt ihn mit schwarzen Fingernägeln und The-Cure-Frisur als exaltierten, müden Emo-Rocker, der am Ende wie ein Kleinkind Kuchen in sich hineinstopft.

Das Familienmelodram scheitert an den überzeichneten Figuren – die politische Geschichte an der plakativen Nazi-Symbolik, die nichts übers Heute erzählt. Im echten Leben, hier und jetzt, sind die Bösewichte von rechts nun einmal nicht stets die Unsympathen mit den eiskalten Gesichtern und den Naziuniformen. Wenn’s denn mal so einfach wäre.  

Barbara Behrendt, kulturradio

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