Berliner Ensemble: Macbeth von Heiner Müller nach Shakespeare mit Sascha Nathan; © Matthias Horn
Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Macbeth"

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Man sagt, es bringe Unglück, Shakespeares "Macbeth" aufzuführen: Macbeth, der Heerführer, der seinen König niedermetzelt, um selbst an die Krone zu gelangen. Am Berliner Ensemble inszeniert Michael Thalheimer nun Heiner Müllers Bearbeitung des Dramas.

Was die zentralen äußeren Begebenheiten angeht, unterscheidet sich Heiner Müllers "Macbeth"-Bearbeitung wenig von der Shakespeares. Drei Hexen weissagen dem Heerführer Macbeth, dass er König von Schottland werden wird. Seine machthungrige Frau stachelt ihn daraufhin an, den amtierenden König Duncan im Schlaf abzuschlachten.

Macbeth lässt auch seinen Freund Banquo umbringen, da die Hexen prophezeien, dass dessen Kinder den Thron besteigen werden. Macbeth sieht Geister, die Schuld verfolgt ihn, seine Frau wird wahnsinnig – soweit alles beim Alten.

Es kommt der nächste Diktator

Und trotzdem ist das Drama bei Heiner Müller ein ganz anderes – schwärzer, grimmiger. Während Macbeth in Shakespeares Fassung von der eigenen Schuld erdrückt wird, lässt sich bei Müller keine Figur mehr aus ihrer Psychologie heraus erklären. Es gibt herrschende Klassen und beherrschte Klassen – Müller hat Bauern und Soldaten eingefügt, also eine soziale, gesellschaftliche Struktur eingefügt.

Macbeth ist bei ihm nichts als ein machtgeiler Mörder, wie alle Herrscher, die da waren und kommen werden. Die Geschichte stagniert, die Welt ist ein Inferno und Macbeth nur ein winziges Rädchen im Machtgetriebe – "mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen", sagt er am Ende, es folgt schlicht der nächste Diktator.

Blutige Bilder

Das Berliner Ensemble schreibt in seinem Ankündigungstext, Müller habe sich bei der Uraufführung 1972 in der DDR zwar den Vorwurf des Nihilismus gefallen lassen müssen – heute müsse man aber feststellen, dass es sich in seiner Fassung um das realistische Bild der Welt handele. Natürlich: In der Politik wird stets um Machterhalt gerungen. Doch sollte hier tatsächlich realistisch auf die Welt geblickt werden, kann sich die Menschheit sogleich mit gestreckten Waffen ins Grab legen – selbstverständlich hat Heiner Müller ein nihilistisches Werk geschaffen.

Thalheimers Weltsicht ist ähnlich düster – allerdings erschließt sich Müllers politische Analyse aus der Erfahrung mit dem DDR-Regime heraus, wohingegen Thalheimer im Versuch der Verdichtung und Skelettisierung des Textes keine politische Argumentation zulässt, sondern schlicht blutige Bilder auf die Bühne stellt.

Berliner Ensemble: Macbeth von Heiner Müller nach Shakespeare mit Constanze Becker und Sascha Nathan; © Matthias Horn
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Schmerz und Qual

Für einen archaischen Bildkosmos sind Thalheimer und sein Bühnenbildner Olaf Altmann bekannt – diesmal jedoch setzt der Regisseur aufs Naheliegende und lässt einfach bächeweise Kunstblut fließen. Das Werk von Altmann sucht man vergeblich: Auf der leeren Drehbühne sind die Figuren nur in Blut, Nebel, Licht (Ulrich Eh) und wummernde Bässe getaucht, dem typischen Bert-Wrede-Sound.   

Zu Beginn steht Ingo Hülsmann als (eigentlich gütiger) König Duncan mit blutigen Händen an der Rampe und krallt sich mit irrem Blick an die Krone – überdeutlich also, dass alle Herrscher über Leichen gehen werden. Die Hexen erscheinen als nackte, glatzköpfige Gruselgestalten, von oben bis unten mit Blut besudelt, sie beißen in rohes Fleisch und verteilen blutige Küsse, sobald jemand stirbt – blutdürstige, triebhafte Todesbotinnen. Die Auftragsmörder Banquos tragen weiße Fleischerschürzen, ebenfalls Blut getränkt, sie schneiden ihm bei lebendigem Leib den Penis ab und wedeln hyänisch lachend mit ihm herum. Tilo Nest muss sich als dieser Banquo in den Tod röcheln, ständig wird geschrien vor Schmerz und Qual – ein einziges Schlachtfest. 

Berliner Ensemble: Macbeth von Heiner Müller nach Shakespeare mit Kathrin Wehlisch; © Matthias Horn
Bild: Matthias Horn

Der pessimistische Blick auf die Welt

Nur Monster, Karikaturen auf der Bühne – von Menschen keine Spur. Constanze Becker gibt sich als bleiche, schwarz gekleidete Lady Macbeth alle Mühe, wie eine böse Märchenhexe pathetisch an der Rampe zu deklamieren. Sascha Nathan wirkt als schuldgetriebener Macbeth noch als das humanste Geschöpf der Inszenierung. Wie er später zum irren Kind, zu einem absurden König Ubu mutiert, hat mitunter gar einen grotesken Humor. Ansonsten herrscht nur unfreiwillige Komik: Wenn Lady Macbeth ihrem Gatten entsetzt die Dolche entreißt, die er doch hätte am Tatort liegen lassen sollen und in hysterisches Krächzen verfällt, wirkt das mehr wie die Parodie eines Splatter-Movies als wie eine menschliche Tragödie.

Natürlich: Man muss akzeptieren, dass Thalheimer derart pessimistisch auf die Welt blickt, dass er jedem Ringen um Demokratie, Solidarität, Gerechtigkeit Hohn spricht, von so unmöglichen Dingen wie Freundschaft und Liebe ganz zu schweigen. Doch die fehlenden Ambivalenzen dieser Zombies, die alles Niedermetzeln, machen den Abend grässlich langweilig, dumpf und schlicht. Die Welt ist böse, alle Menschen sind Sadisten – diese Verdichtung ist (nicht nur gemessen an William Shakespeare und Heiner Müller) allzu simpel.  

Barbara Behrendt, kulturradio

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