Deutsches Theater Berlin Der Teufel mit den drei goldenen Haaren © Arno Declair
Arno Declair
Bild: Arno Declair

Deutsches Theater Berlin - "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren"

Bewertung:

Mit seiner Form des Kindertheaters hat das Performance-Kollektiv Showcase Beat Le Mot schon einiges Aufsehen erregt. Mit ihrer aktuellen Produktion sind sie nun in den Kammerspielen des Deutschen Theaters zu Gast.

Die Performer-Gruppe "Showcase Beat Le Mot" inszeniert oft für Erwachsene – und manchmal für Kinder. Wobei sich die Arbeiten, wie sie sagt, kaum unterscheiden: "Theaterspielen heißt Theaterspielen". Nichts schlimmer für die Männer-Truppe als das Wort "kindgerecht". Ihre Kinder-Produktionen sind immer auch für Erwachsene gedacht. Das war bei ihrem gefeierten "Räuber Hotzenplotz" vor elf Jahren am Theater an der Parkaue so, bei "Peterchens Mondfahrt" und den "Bremer Stadtmusikanten" – und das gilt auch für ihre neuste Produktion, die gestern am Deutschen Theater Berlin-Premiere feierte: "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren", eine Koproduktion mit Theatern in Freiburg, Düsseldorf und Hamburg, mit der das Deutsche Theater die erst zwei Jahre alte Tradition fortführt, vor Weihnachten eine Produktion fürs ganz junge Publikum ins Programm zu nehmen.

Kein Kindertheater?

Die Ästhetik der Inszenierung hat nichts mit illustrativem Kindertheater gemein. Hier geht kein  Schauspieler als Glückskind verkleidet auf Wanderschaft, kein böser König schwingt das Zepter. Die vier Performer plus Lisa Hrdina aus dem DT-Ensemble tragen hellblaue Schlafanzüge mit knallroten Skeletten aufgemalt und schlüpfen nur ab und zu andeutungsweise in so etwas wie eine Figur, um die Geschichte voranzutreiben.

Auch die Bühne ist abstrakt gehalten: Drei Stellwände dienen als Projektionsfläche für psychedelische Videobilder, die Alexej Tchernyi von einer "analogen Animationsmaschine" am Bühnenrand produziert. Hält er ein rotes Glas mit Wölbungen in die Kamera, erinnert das an einen Totenkopf. Und in gelbem Licht mutiert Thorsten Eibelers Gesicht hier mit Hornbrille zu dem der Großmutter. Wichtigstes Requisit aber sind lange Metallrohre, die so gut wie alles darstellen können: Rohrpost, Stadttor, Mühlrad, Hölle, das Ruder des Fährmanns oder, mit aufgesetzten Lichtern, die Augen der Ameise, die in des Teufel Großmutters Rocktasche verschwindet.

Das Zentrum der Inszenierung liegt nicht im gesprochenen Wort, auch nicht im Rollenspiel. Hier wird assoziativ erzählt: Wechselt ein Performer zur nächsten Etappe der Geschichte, dient das der Gruppe als Anlass für ein nächstes Spiel mit Körpern, Musik – und zwischendurch mit Rollen. So entstehen wunderbare Bilder, etwa, wenn jeweils zwei Performer zwei Stangen an ihren Enden halten und sie in der Luft wellenartig bewegen. Im blauen Licht erinnert das an ein metallisch glitzerndes Meer.

Deutsches Theater Berlin Der Teufel mit den drei goldenen Haaren © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Im Mittelpunkt steht die Choreografie

Auch die raren Spielszenen sind schön lustig. Als die Räuber den Brief vertauschen, der das Glückskind bei seinem Eintreffen am Königshof das Leben kosten würde, ist dieser Brief eben kein beschriebenes Papier, sondern ein Metallrohr gefüllt mit Ping-Pong-Bällen, die erst in die richtige Reihenfolge gebracht werden müssen, bevor man die Botschaft darauf lesen kann. Und weil wir es ja mit bösen Räubern zu tun haben, möchten sie sich etwas weit Schlimmeres ausdenken als den Tod – der Junge soll die Königstochter heiraten, welche Sadisten! Auch der Teufel später ist toll in all seiner Abstraktion: Mit meterlangen Holzstäben an Arme und Beine gebunden wirkt er wie ein überdimensionaler Igel – nur drei seiner Stacheln sind aus Gold.

Doch leider bleiben die Spielszenen allzu selten; im Mittelpunkt der Produktion steht die Choreografie. Die stammt von Jochen Roller, der wie die Performer in den 1990ern Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studiert hat. Die "Gießener Schule" ist berühmt und berüchtigt für ihre postdramatischen, stets diskursiven und – im schlechten Fall – arg verkopften Angänge.

Roller hat schon zahlreiche spannende Abende entwickelt (etwa den "Trachtenbummler") – deshalb wirkt die mitunter recht unmotivierte Choreografie dieses Abends ungewöhnlich. Viele Szenen sind unterlegt mit Elektro-Beats; die Hochzeit zwischen Glückskind und Königstochter wird zur wilden, länglichen Technoparty. Nach der Pause (in der übrigens Schoko- und Apfelbrötchen aus der "Hölle des Kapitalismus" verteilt werden!) räkeln sich die Spieler dann endlose zehn Minuten zu harten Bässen vor der Hölle – eine Mischung aus Yoga, Ausdruckstanz und Tierpantomime. Das schien selbst die wenigen Kinder, die zur Abendpremiere gekommen waren, zu ermüden.

Ob sich Kinder (die Produktion ist für "Kinder ab sieben Jahren und Erwachsene" empfohlen) für dieses postdramatische Metatheater begeistern können, hängt von der Bereitschaft ab, sich allein auf Bilder, Musik, Tanz, Assoziationen einlassen zu können. Manches Kind, das wohl mehr nach Figuren Ausschau hielt, schien eher ratlos und gelangweilt. Denn die Performer sind sichtlich bestrebt, keinesfalls Identifikationsfiguren zu verkörpern und Handlungen stets zu brechen.

Viel verschenkt

Bei allen schönen Ideen und Fantasiereiseangeboten bleibt die knapp zweistündige Inszenierung inhaltlich zu dünn. Von der Wucht und Archaik der Geschichte (deren Briefszene sogar im "Hamlet" wiederkehrt) ist kaum etwas spürbar. Immerhin wird hier einer zum Teufel geschickt, geht durch die Hölle und kommt lebendig wieder – nur, weil er davon überzeugt ist, alles zu können und alles zu wissen. Der Glaube ans eigene Selbst ist groß, keine Spur von Demut und Bescheidenheit. Und ausgerechnet der Teufel wird zum Hüter aller Wahrheiten, den man in der Not um Rat fragt – sogar eine gutherzige Großmutter krault ihm den Pelz. Man muss ja nicht gleich die Tiefenpsychologie (das verteufelte, abgespaltene Unterbewusstsein, das die Wahrheit kennt) bemühen, um dieses Märchen zu inszenieren – doch hier rauscht die gewaltige Thematik zu fad vorbei. Zugunsten der freien Assoziation wird inhaltlich zu viel verschenkt.  

Barbara Behrendt, kulturradio

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