Drei Schwestern nach Anton Tschechow im Deutschen Theater zu Berlin (Bild: Arno Declair/DT)
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Deutsches Theater Berlin - "Drei Schwestern"

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"Nach Moskau, nach Moskau!" – Zwei Worte, und jeder Theatergänger weiß, worum es geht: um Tschechows "Drei Schwestern", die in der Provinz feststecken und von einem anderen Leben im Zentrum der Welt träumen.

Die Regisseurin Karin Henkel hat dieses Drama der Weltliteratur 2009 in Frankfurt am Main inszeniert – und nimmt es sich jetzt ein zweites Mal am Deutschen Theater in Berlin vor. Die Besonderheit: Drei Männer spielen die Rollen der drei Schwestern. An ihrer Seite und als einzige Frau auf der Bühne: Angela Winkler.

Winkler, bald 75 Jahre alt, wundersam mädchenhafte Theaterzauberin, steht in weißem Sommerkleid auf dem sich drehenden Bühnenkasten: ein verwinkeltes Haus, bedrohlich beleuchtet. Plötzlich kippt es ein Stück zur Seite, die Möbel rutschen die Schräge herab, aus dem Schrank heraus rollt der Brummkreisel, den Irina von ihrem Verehrer zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, und jener Oberleutnant Tusenbach in Uniform, dem das Blut über die Schläfe rinnt. Aus Liebe zu Irina hat er sich erschossen und bewegt jetzt wie eine Puppe die Lippen, während seine Stimme vom Band hallt und von Liebe und Sehnsucht spricht.

Ein starker Auftakt, der eine Rahmenhandlung setzt: Die gealterte Irina erinnert sich zurück – im Verlauf wird das Drama in ihrem Kopf abspulen. Den Tod des Verehrers inszeniert Karin Henkel als Irinas Trauma, das sie ein Leben lang verfolgt, immer wieder knallt der Pistolenschuss durch ihre Erinnerung.

Man könnte also meinen, Henkel konzentriere sich auf diese Irina als Charakterfigur. Doch dann treten die drei Schwestern in jungen Jahren auf: Bernd Moss, Benjamin Lillje und Michael Goldberg in Frauenkleidern und mit Masken überm Gesicht, die sie zu grotesken Porzellanpüppchen kostümieren. Als karikiertes Schwägerinnenmonster Natascha kommt Felix Goeser hinzu.

Ein Verfremdungseffekt, der Olga, Mascha und Irina zu bloßen Symbolfiguren für so universale Themen wie das Vergehen der Zeit, das Vergessenwerden macht. Zur Identifikation dienen diese Puppen jedenfalls nicht. Und weil im Stück natürlich deutlich mehr Personen auftreten als jene vier, schlüpft jeder Spieler zusätzlich in die Rolle des jeweiligen Ehemanns oder Verehrers seiner Frauenfigur – ein Geschlechterhopping, das zuweilen mit rasenden Kostümwechseln zu kämpfen hat.

Die stark gekürzte Textfassung von Henkel und ihrem Dramaturgen John von Düffel greift hauptsächlich Stimmungen auf: der Stillstand, den die Schwestern spüren, ihr Lebenshunger, dem sie nie nachgehen werden. Das klingt wie eine Tschechow-Zitatensammlung: "Man wird uns vergessen", "Wir müssen weiterleben, immer weiter!"

"Arbeiten, wir werden arbeiten!", "Nach Moskau, nach Moskau!"

Die gesellschaftspolitische Ebene Tschechows, der Umbruch in eine neue Zeit ist gestrichen. Die Regisseurin spitzt zu und erschafft – ihre große Stärke – eine eigene, geschlossene Kunstwelt. Das sich drehende Haus, auf das Schemen und Schatten projiziert werden, durch das ferne Stimmen und Musiken hallen, entwickelt eine schaurige Albtraumatmosphäre.

Bevölkert wird diese Welt von den entmenschlichten Puppen. Wie diese männlichen Schwestern vom Regiekonzept immer wieder abgehalten werden, in ihre Rollen einzutauchen, ist schnell ermattend. Man möchte sich schon nach Moskau wünschen, da tritt in den letzten Minuten noch einmal Angela Winkler an den Bühnenrand. Sie wiederholt die Sätze von der Vergänglichkeit, dem Vergessen, die an diesem Abend schon so oft gefallen sind. Doch wie sie sie aus ihrem Innersten just in diesem Moment zu befreien scheint, sie befragt, befühlt, bekommen die Worte so viel Kraft, so viel Verzweiflung, Trotz, Leben, dass das überflüssige Maskenspiel zuvor tatsächlich wie ein entfernter Albtraum wirkt.

Ein Mensch auf der Bühne, der liebt, leidet, lebt – was für eine Seltenheit. Innerhalb von nur drei Minuten rettet Angela Winkler die Erinnerung daran, wie groß diese Tschechow’schen "Drei Schwestern" sein können.

Barbara Behrendt, kulturradio

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