Ainārs Rubiķis; © Victor Dmitriev
Bild: Askonas Holt

Komische Oper Berlin - 2. Sinfoniekonzert

Bewertung:

Der Saal der Komischen Oper ist mit seiner trockenen Akustik ein Problem. Und während die zweite Sinfonie von Bernstein darunter zu leiden hatte, gelang dem neuen Generalmusikdirektor Ainārs Rubiķis mit der Siebten von Bruckner eine Glanzleistung.

Die Bilanz des neuen Generalmusikdirektors an der Komischen Oper Berlin, Ainārs Rubiķis ist bislang eher durchwachsen ausgefallen: Während „Die Nase“ durchaus die gezeigte krachende Orchesterbehandlung verträgt, hat er „Die tote Stadt“ unter Wert verkauft, die schillernden Farben zu pauschal. Nun aber gleich zwei Großwerke im 2. Sinfoniekonzert dieser Saison.

Am Beginn: „The Age of Anxiety“, die 2. Sinfonie von Leonard Bernstein. Das hat Bernstein mit Anfang 30 geschrieben, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Dichter W. H. Auden hat mit dem gleichnamigen Langgedicht auf die Katastrophe des Krieges reagiert, auf Desillusionierung und Suche nach Orientierung in der Gesellschaft – bis hin zur Frage, woran man nach dem Geschehenen überhaupt noch glauben kann. Bernstein hat das nachvollzogen: Viel Zweifel und Ödnis führen in Zuversicht und Glaubensgewissheit. Das ist ein Mittelding aus Sinfonischer Dichtung und Klavierkonzert. Den Klavierpart hat Bernstein für sich selbst geschrieben, und entsprechend anspruchsvoll ist er auch.

Klavierexzentriker

Das ist genau das richtige Stück für den türkischen Pianisten Fazıl Say. Say ist eine denkbar individuelle Erscheinung. Zunächst unauffällig mit freundlichem Lächeln und etwas unbeholfen auf seinem Klavierhocker, fängt er aber vom ersten Ton an, das Stück zu zelebrieren. Sofort kann man nicht anders als hinzuhören: Die Wärme seines Anschlags entfaltet sofort Sogwirkung.

Say durchlebt die Musik mit dem ganzen Körper. Wenn mal eine Hand nicht spielt, dirigiert er mit ihr gleich mit. Vor jedem Einsatz durchzuckt es ihn, um in den Rhythmus zu finden. Dort, wo ein bisschen jazzige Barmusik imitiert wird, ist er ganz in seinem Element. Da stampft er mit den Füßen mit, und es klingt, als wenn er wirklich Jazz improvisieren würde.

Fingerfertigkeit und trockener Saal

Bei der Zugabe gehen dann mit Fazıl Say die Pferde durch – im positiven Sinne. Da improvisiert er tatsächlich über Gershwins „Summertime“ und zieht alle Register. Zunächst liebevoll verspielt – um dann mit lawinenartigen Tonkaskaden loszurocken. Fingerfertigkeit vom feinsten und beste Unterhaltung.

Den Orchesterpart der Bernstein-Sinfonie hat Ainārs Rubiķis hörbar gewissenhaft einstudiert. Allerings funktioniert das Werk in der trockenen Akustik des Saals der Komischen Oper überhaupt nicht. Wo sich Klänge mischen müssten, wo etwas nachklingen müsste, bleiben nur Löcher. Dieser Sachverhalt ist eingehend bekannt. Frage: Warum geht das Orchester der Komischen Oper nicht auch wie die Staatskapelle bei Sinfoniekonzerten in die Philharmonie?

Höllenritt und Elfengetrappel

Und da soll dann die siebte Sinfonie von Anton Bruckner funktionieren? Skeptisch durfte man sein, und ein bisschen einhören musste man sich auch. Bruckners Sinfonien sind klingende Kathedralen, und in der Komischen Oper klingt eben nichts nach. Aber Ainārs Rubiķis hatte inzwischen Zeit, den Saal kennenzulernen, und er wusste, es gibt nur eine Möglichkeit: Ruhe bewahren, keine Hektik – und gerne langsame Tempi, wo immer möglich.

Und plötzlich hat es funktioniert. Rubiķis hat die Momente ausgekostet. Das war wie ein Naturereignis: Da klangen die brummenden Kontrabässe wie ferner Donner, dazu zirpende Geigen, die Blechbläser wie Alphörner. Das Scherzo war eine Mischung aus Höllenritt und Elfengetrappel. So plastisch und klanglich überzeugend hat man diese Sinfonie nicht oft gehört.

Keine Sekunde langweilig

Fast 70 Minuten hat das Werk gedauert, und es war keine Sekunde langweilig. Ainārs Rubiķis hat den direkten Weg gewählt und immer klar gemacht, warum er etwas wie interpretiert. Da gibt es motivisch mehrmals das gleiche, aber hier hat es immer eine andere Farbe. Rubiķis ist ein Meister darin, Zeit zu dehnen oder gleich ganz aufzuheben. Die großen Generalpausen gestaltet er so, dass man es vor Spannung kaum noch aushält. Bruckner ist tönende Architektur, und dieses Haus stand auf felsenfesten Fundamenten.

Schöner Nebeneffekt: Man hat plötzlich das Konzept des Abends verstanden: Während Bernstein auf der Suche nach einer Möglichkeit zu glauben war, wurzelt Bruckners Musik fest im Glauben. Darüber hinaus war dieser Bruckner ein Qualitätsbeweis des Orchesters – mutig, einen Tag vor der „Candide“-Premiere so ein gewaltiges Programm zu stemmen. Und Ainārs Rubiķis scheint mit dieser interpretatorischen Glanzleistung in Berlin angekommen zu sein. Möge es so weitergehen.

Andreas Göbel, kulturradio

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