Neuköllner Oper: Der Diktator - Lawrence Halksworth (in der Titelrolle) während der Fotoprobe; © imago/Martin Müller
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Neuköllner Oper - "Der Diktator"

Bewertung:

Ein brandaktuelles Stück!, selbst wenn wir bei der Verwendung des Wortes "Diktator" heute vorsichtig geworden sind – so fragwürdig politische Entscheidungsträger uns auch immer erscheinen mögen.

Denn "Der Diktator", uraufgeführt 1926 in Wiesbaden, war ein visionäres Stück. Hitler war noch nicht, was er ab 1933 wurde. Vorbild bei Ernst Krenek, der hier sein eigenes Libretto schrieb, war Mussolini, in welchem er einen geschichtsbildenden Typus erkannte. Das Stück, es handelt sich um den 1. Teil eines Triptychons, wurde in letzter Zeit mehrfach prominent wiederaufgeführt (z.B. in Frankfurt und Grafenegg). Zu Recht.

Schöngespülte Bestie

Bei unter einer Stunde Spielzeit wird kaum mehr als die Vignette eines politischen Führers präsentiert, der sich in Szene setzt, ein Urlaubsattentat zu parieren hat und am Ende nicht totzukriegen ist. In Ariane Kareevs Inszenierung sehen wir eine blonde Lichtgestalt: schöngespülte Bestie mit Star-Qualität.

Richtig daran ist, dass wohl alle Diktatoren säkulare Volkstribunen waren, die sich als Männer des Volkes ausgaben. (Das Wort "Populismus" kommt mehrfach an diesem Abend vor.) Nicht ganz so richtig dagegen, dass dieser Machthaber, erkennbar am poolblauen Hosenanzug seiner Ehefrau, ein kapitalistischer Diktator ist. Es gibt aber rechte wie auch linke Diktatoren, und sie nehmen sich nicht viel.

Dass die Ehefrau eine so große Rolle spielt, dürfte gleichfalls eine Fehleinschätzung sein (allerdings schon im Stück selber). Diktatoren funktionierten selten im Ehe-Team. Sie waren Junggesellen im Geiste mit Neigung zur Manipulation der Massen.

Krenek komponierte hierzu interessanterweise Musik, die dem Verismo zugehört. Zeit seines Lebens (und Exils) wilderte dieser Komponist ja in allen möglichen Stilen. Sein erfolgreichstes Werk "Johnny spielt auf" war eine Jazz-Oper, "Karl V." ist zwölftönig gesetzt.

Verismo dagegen, sonst in Italien bei Puccini, Leoncavallo etc. beheimatet, stand für das Einbrechen des "Proletariats" in hehre Opernhallen (siehe "La Bohème"). Tonal und musikalisch reißerisch, ist das selbst in Jörg Gollaschs skelettierter Fassung für Klavier, Cello und Schlagzeug so bissfest, dass man neugierig wäre, das Ganze mal auf Vollfettstufe zu hören.

Neuköllner Oper: Der Diktator - Isabel Reinhard (als Maria) und Sotiris Charalampous (als Offizier) während der Fotoprobe; © imago/Martin Müller
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Zu lauter Gesang

Für Verismo benötigt man große Stimmen. Allerdings nicht in der "Besenkammer" der Neuköllner Oper. Denn wir befinden uns im kleinen Haus mit weit unter 99 Plätzen. Lawrence Halksworth und Eva Maria Nikolaus singen fast mit zu lauter Stimme. Wofür sie persönlich nichts können. Es ist Spiegel der Tatsache, dass junge Sänger heute zu sehr auf vokales Durchkommen und Aufdrehen gedrillt werden. Das größere Problem: Eigentlich singt nur der Gegenspieler, Sotiris Charalampous, wirklich textverständlich.

Man sagt gern, die Spielfreude heutiger Sänger sei viel größer geworden als früher. Was auch zutrifft. Auf der Wippe, die zu einem Hochplateau mit Sprungturm führt, singen die Mitwirkenden virtuos in jeder Körperhaltung. Nur ist der Gesang völlig illiterat geworden. Man versteht die Geschichte nicht.

So droht dieser "Diktator", so schön die Absicht ist, zeitweilig am Diktat des zu lauten, zu textunverständlichen Singens zu scheitern. Diktat ist, auch in der Kunst, eben grundsätzlich von Übel.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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