Martin Grubinger; Foto: rbb
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Philharmonie Berlin - Sydney Symphony Orchestra mit Martin Grubinger

Bewertung:

Das Sydney Symphony Orchestra ist zu Gast in Berlin und kommt nur schwer in die Gänge. Dazu spielt Martin Grubinger ein Schlagzeugkonzert, bei dem man sich nur fragt: warum?

Martin Grubinger ist derzeit einer der erfolgreichsten Schlagzeuger. Und so hat er denn auch etliche Fans in Berlin. Gut zu erkennen daran, dass nach der Pause, nach seinem Auftritt, ein paar mehr Plätze in der Philharmonie leer blieben.

Grubinger ist ein begnadeter Virtuose, der nie müde wird, die aberwitzigsten Kunststücke zu vollführen. Da ist immer etwas Unterhaltsames bei. Kritisch muss man jedoch auch anmerken, dass Grubinger sein Talent oft an Stücke verschwendet, die musikalisch einigermaßen fragwürdig sind.

Aggression und Gurkenmaske

Auf dem Programm stand das zweite Konzert für Schlagzeug und Orchester des schottischen Komponisten James MacMillan. Das hat er wie viele seiner Werke geschickt auf Effekt komponiert. Der erste Teil ist eine unglaublich lautstärkeintensive Ausdauerübung für den Solisten. Der trommelt zunächst auf dem Marimbaphon, dann weiter auf Trommeln.

Wenn das überstanden ist, ertönen plötzlich Klänge wie aus dem Wellness-Hotel – eine Wohlfühl-Musik mit Harfe, Klavier und Steel Drum, kurz: eine akustische Gurkenmaske. Den Schluss bildet ein intensiver Choral in schönsten Harmonien. Banaler und kitschiger geht es kaum.

Etüde und Zirkus

Martin Grubinger hat sich das Konzert wirklich angeeignet, es auswendig gespielt. Bei den motorischen Radauteilen am Marimbaphon wirkte er wie ein Gladiator. Das Stück ist nicht für ihn komponiert worden, das hat man gemerkt. Diesen musikalischen Leerlauf konnte auch er nicht retten. Da hat er seine enormen Fähigkeiten – man muss leider sagen: zum wiederholten Male – unter Wert verkauft.

Natürlich kam er um eine Zugabe nicht herum. Umständlich hat er eine Kleine Trommel auf einen Ständer gebaut. Ein besonderes Instrument aus Granit, das ihm ein Freund aus Süddeutschland mitgebracht hat, wie er erzählte. Und die wollte er dann gerne ausprobieren. Das Zugabestück spielt er nicht zum ersten Mal. Das ist eine Mischung aus Etüde und Zirkusnummer. Alles, was irgendwie mit einer Kleinen Trommel machbar ist, hat er vorgeführt, auch die Sticks balanciert, auf Unterarm oder Schulter. Eine Fingerübung. Aber unterhaltsam.

Das Orchester und sein Chefdirigent

Den Namen David Robertson kann man kennen. Dass er Chef in Sydney ist, wusste man vielleicht vorher nicht. Aber wer sich für zeitgenössische Musik interessiert, dem ist der Name sicher schon mal begegnet als Leiter des Ensemble intercontemporain. Das war in den 90er-Jahren. Seitdem hat man hierzulande wenig von ihm gehört.

Das Gastspiel des Sydney Symphony Orchestra hat gezeigt, wie verwöhnt man in Berlin mit den vielen hervorragenden Orchestern der Stadt ist. Am Beginn stand die „Karneval“-Ouvertüre von Antonín Dvořák. Das Stück will Lebensfreude ausdrücken, wirkte hier aber nur schwerfällig und oberflächlich. Die Flöten und Blechbläser dröhnten in den Ohren. Keine Orchesterbalance. Vielleicht hätte man dem Orchester auch vorher verraten sollen, dass man in einem Konzertsaal spielt und nicht in einem Fußballstadion.

Zwei Zugaben (plus eine richtige)

Auch Ludwig van Beethovens siebte Sinfonie wollte zunächst nicht richtig die Gänge kommen. David Robertson hat die vielen Akzente der langsamen Einleitung gewissenhaft an sein Orchester weitergegeben. Dann aber blieb es nur freundlich und nett. Mit federnden Bewegungen hat er alles am Laufen gehalten. Nun kann man mit dem Werk viel machen, und es muss ja auch nicht immer so orgiastisch sein wie bei der Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko. Aber so nichtssagend plätschernd muss es auch nicht daherkommen.

Das war aber ab dem zweiten Satz anders. David Robertson mag ein gewisses Pathos, das auch nicht falsch ist. Vor allem aber war endlich die Nettigkeit weg. Die Sinfonie bekam etwas Unerbittliches und Bedrohliches. Man wurde gepackt, in die Musik hineingezogen, ein akustisches „Follow me“, spannend bis zum Schluss. Vielleicht hatte sich das Orchester da auch langsam an den Saal gewöhnt. Humor hat David Robertson bewiesen, als schon nach dem zweiten von vier Sätzen applaudiert wurde. Da hat er zum Publikum gesagt: „Wir werden jetzt zwei Zugaben spielen.“ Also den dritten und vierten Satz. Eine echte Zugabe kam dann auch noch mit dem ersten Ungarischen Tanz von Johannes Brahms.

Andreas Göbel, kulturradio

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