Staatsoper Unter den Linden: La Bayadère © Yan Revazov
Yan Revazov
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Staatsoper Unter den Linden - "La Bayadère"

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Der Choreograph Alexei Ratmansky ist Spezialist für die Rekonstruktion historischer Ballett-Aufführungen. Für das Staatsballett Berlin hat er jetzt Marius Petipas Choreographie "La Bayadère" von 1877 wiederauferstehen lassen.

Eine tragische Liebesgeschichte in einer märchenhaft-exotischen Welt, das ist "La Bayadere", ein Meisterwerk des Klassischen Balletts. In einem Indien wie aus einer Sage entsprungen, dürfen zwei Liebende, Tempeltänzerin und Krieger, nicht zueinander finden. Das Staatsballett Berlin hat den sagenhaften Stoff in der Staatsoper Unter den Linden zur Premiere gebracht, in der Choreographie von Alexei Ratmansky, orientiert an der Uraufführung von vor 150 Jahren.

Staatsoper Unter den Linden: La Bayadère © Yan Revazov
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Prunkvolles Märchen und pompöses Spektakel – Besuch im Museum

Und das Staatsballett hat alles aufgeboten für ein prunkvolles Märchen. Tempel im Urwald, Palast mit Bergpanorama, Tiger und Elefant, mehr als 160 Beteiligte: Priester, Krieger, Sänftenträger, Schlangenbeschwörer, Fakire und Sklavinnen in kunterbunten Kostümen, es schimmert und glitzert von Gold und Silber. Es ist ein pompöses Spektakel in luxuriösen Kostümen und Bühnenbildern, mit immensem Aufwand inszeniert. Ratmansky hat sich ganz dem Uraufführungs-Original von 1877 hingegeben, der berühmten Choreographie des auch fast sagenumwobenen Marius Petipa, die er so authentisch wie möglich rekonstruieren wollte. Herausgekommen ist ein Besuch im Museum, in der Märchenwelt-Phantasie aus einer anderen Zeit, einer anderen Epoche.

Ewig gültige tragische Liebesgeschichte und Projektionsfläche

Dabei trägt die Geschichte über die tragische romantische Liebe eigentlich noch immer, ist ja auch ein ewig gültiger literarischer Stoff. Die Tempeltänzerin Nikia und der Krieger Solor lieben einander, allerdings wird sie vom Großbrahmanen begehrt und er soll Gamsatti, die Tochter des mächtigen Radschas heiraten – ihre Liebe wird von Eifersucht zerstört, Nikia wird mit dem Biss einer Schlange ermordet, Solor verfällt dem Wahnsinn und bei der erzwungenen Hochzeit mit Gamsatti lassen die Götter mit Blitz und Donner den Palast einstürzen, der alle unter sich begräbt.

Die Liebenden sind im Tod vereint. Wahrlich ein dramatischer Stoff. Allerdings auch das Zeugnis einer Projektion. Indien als das exotische Phantasia-Land der europäischen Kolonialherren des 19. Jahrhunderts und die Erotik der romantischen Liebe ist als überhöhtes Ideal nur in dieser exotisch sagenhaften Welt gestattet, zu Erbauung und Ergötzen und als Sehnsucht in einer Welt, die uns heute sehr fern erscheint.

Hingebungsvolle Petipa-Rekonstruktion

Deutlich wird allerdings dank dieser hingebungsvollen  Ratmansky-Rekonstruktion, dass die Petipa-Fassung, die bis in kleinste Bewegungsdetails in Notationen überliefert ist, hervorragend funktioniert: die bedächtig-gründliche Erzählweise, die Figuren-Psychologie, die faszinierenden Tänze. Wenngleich die überdeutlich expressive Gestik und Mimik in den Pantomimen irritiert, die die ersten beiden Akte dominiert, in denen kaum getanzt wird, in denen die Tänzerinnen und Tänzer v.a. darstellerisch agieren müssen.

Ratmanskys Faszination für das Petipa-Original ist verständlich, v.a. im dritten Akt, im phantastischen Königreich der Schatten, einer der berühmtesten Szenen des Klassischen Balletts mit 32 Tänzerinnen ganz in Weiß als Geisterwesen. Diese Rekonstruktion ist berechtigte Pflege des Erbes und Ratmansky, der für das Staatsballett vor Jahren ja auch schon Zeitgenössisches choreographiert hat, ist hier als Gralshüter und Museumswärter zu erleben.

Staatsoper Unter den Linden: La Bayadère © Yan Revazov
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Brillante Tänzerinnen und Tänzer

Der Berliner Publikumsliebling Polina Semionova ist als Nikia einmal mehr begeisternd in ihrer tänzerischen Perfektion. Und die strenge Kühle war diesmal auch darstellerisch überzeugend: als hoheitsvolle Tempeltänzerin und starke Frau, die den Großbrahmanen zurückweist, als innig Liebende und verzweifelt Sterbende, als Geist aus der Schattenwelt, der die Lebenden heimsucht. Aber auch die beiden neuen Ersten Solisten Yolanda Correa als machtbewusste eifersüchtige Radscha-Tochter Gamsatti und Alejandro Virelles als dem Wahnsinn verfallender stolzer Krieger Solor sind brillant, präsentieren sich als echte Verstärkung des Staatsballetts. Auch für alle anderen Partien gilt: tänzerisch ist diese Staatsballett-"Bayadere" auf höchstem Niveau.

Zwanghafter Rekonstruktions-Wille – keine Wucht und Schönheit

Man kann diese "Bayadere" mit Respekt betrachten, aber sie ist nicht beglückend oder ergreifend. Der Märchenzauber stellt sich trotz aller Pracht und Brillanz und der bestens aufgelegten Staatskapelle, die von Victorien Vanoosten seriös durch die theatrale Ludwig-Minkus-Musik geführt wird, nicht ein, denn der zwanghafte Authentizitäts-Wille, die Strenge und Unnachgiebigkeit in der Rekonstruktion und das Dekorative daran sind zum Hemmnis geworden. In der Starrheit der Rekonstruktions-Perfektion können sich die Wucht und Tragik des Stoffes und die Schönheit der Petipa-Choreographie nicht entfalten – jedenfalls am Premierenabend.

Für Johannes Öhmann und Sasha Waltz sollte diese Produktion vermutlich als Beweis dienen, dass sie das Staatsballett eben nicht nur in den Zeitgenössischen Tanz drängen – der Streit darüber war nach ihrer Ernennung heftig. Der Beweis ist gelungen, aber dieser Besuch im Ballett-Museum lässt einen doch ziemlich unberührt und kalt. Der freundliche, aber schnell verebbende Applaus war nichts im Vergleich zum Jubel bei der ersten Staatsballett-Premiere Anfang September, beim Abend der Moderne, der Gegenwart.

Frank Schmid, kulturradio

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