Staatsoper: Hippolyte et Aricie, hier: Elsa Dreisig (Diane), Reinoud Van Mechelen (Hippolyte) und Anna Prohaska (Aricie); © Karl und Monika Forster
Karl und Monika Forster
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Staatsoper Unter den Linden - "Hippolyte et Aricie"

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Ein Höhepunkt der Barocktage in Berlin ist die Premiere einer großen Oper von Jean-Philippe Rameau in illustrer Starbesetzung: Anna Prohaska, Magdalena Kožená und Simon Rattle am Pult. Nicht zu vergessen: die Lichtinstallation und das Bühnenbild von Olafur Elliasson.

"Hippolyte et Aricie" von 1733 ist Rameaus erste Oper. Rameau war schon 50, als er sie schrieb. Solch ein Späteinstieg ist ein erstaunlicher Sonderfall in der Musikgeschichte. Erstaunlicher noch war der erdbebenartige Erfolg des Werkes. "Hippolyte", das war der Befreiungsschlag, der die Loslösung brachte von der uralten, etwas steifen Traditionsoper Lullys. Rameau hat damit für Frankreich das Tor zur Klassik aufgestoßen.

Das Werk ist ein Klassiker des französischen Barock und keine ausgesprochene Rarität. Schon Stars wie Beverly Sills und Placido Domingo sind in dem Werk aufgetreten, Dirigentenlegenden wie William Christie und Marc Minkowski haben es eingespielt. Aber zugrunde lag bisher fast immer die Premierenfassung von 1733. Gestern zu hören war eine mir völlig unbekannte Spätfassung, eine Revision des alten Komponisten von 1757 – die dem Werk gut bekommen ist. Es ist straffer, konziser, noch raffinierter, nicht so geschwätzig wie die Erstfassung – und auf jeden Fall die amüsantere Version.

Staatsoper: Hippolyte et Aricie, hier: Gyula Orendt (Thésée) und Tänzerinnen und Tänzer; © Karl und Monika Forster
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Wenig Leidenschaft, viel Dekoration

Rameaus Opern sind nicht grade berühmt für kochende Leidenschaft und temperamentvolle Arien. Diese Griechenoper, in der es um unerfüllte Sehnsüchte, grollende Götter, rachsüchtige Frauen und düstere Unterweltdämonen geht (zugrunde liegt Racines Phädra), mag manchem dann in der Umsetzung doch zu kühl und dekorativ dahergekommen sein. Wie immer lag die Stärke bei Rameau in den Tableaus, den Tänzen und Chören und der Musik zu den Spezialeffekten.

Emotional mag uns die heißblütige Gefühlswelt der italienischen Opera Seria Händels und Vivaldis näher stehen. Doch für den nervösen, actionverliebten Rezipienten des 21. Jahrhunderts lässt sich der handlungsreichen, kleingliedrigen Musiksprache Rameaus durchaus einiges abgewinnen. Wenn wir auch die Motivationen dieser absolutistisch gefärbten mythischen Figuren nicht immer verstehen.

Die Inszenierung, von geradezu rührender Verständnislosigkeit gegenüber barockem Gestus und der Gefühlswelt des 18. Jahrhunderts, bringt diese gewaltige Kluft zwischen unserer Zeit und der des Werks eindrucksvoll zum Ausdruck. Das muss man nicht schätzen, aber es ist eine legitime Annäherung.

Aletta Collins und der prominente Lichtkünstler Olafur Eliasson haben sich dem Komponisten nicht angekumpelt, sondern einfach ihre Distanz zu dieser verschrobenen Märchenwelt visualisiert. Es ist trotz viel Licht- und Tanz-Choreografie eine beklemmend stille Inszenierung, die die Düsternis des Geschehens unterstreicht. Das Ganze etwas verrätselt – Star-Treck-Kostüme in einer Star-Wars-Welt. Aber gerade diese Rätselhaftigkeit, kombiniert mit der kühlen genialen Musik Rameaus, hat ihren eigenen Reiz.

Es ist beruhigend, dass in einer Oper, die dem Ballett so großen Raum widmet, nun auch wirklich wieder getanzt wird. Wie oft fehlen in Berlin die Ballette in französischen Opern oder werden drastisch gekürzt! Die homogene Integration des Balletts ins Geschehen ist unbestritten das große Verdienst von Aletta Collins, die vom Tanz kommt und hier zu ihren Wurzeln zurückfindet.

Staatsoper: Hippolyte et Aricie, hier: Gyula Orendt (Thésée), Peter Rose (Pluton) und Roman Trekel (Tisiphone); © Karl und Monika Forster
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Französisches Barock mit britischem Akzent

Sieht man mal von dem Umstand ab, dass das französische Barock-Idiom nicht grade Simon Rattles Stärke ist – das Ganze klang eher wie später Purcell – war das musikalische Niveau extrem hoch. Sängerisch bis in die kleinste Nebenrolle exzellent in Szene gesetzt, gehört das Werk zu den echten Höhepunkten der Saison.

Magdalena Kožená als furienhafte Phädra war auch schauspielerisch erstaunlich überzeugend, Anna Prohaska als Aricie hinreißend stilsicher und zugleich die wärmste Stimme des Abends, Reinoud Van Merchelen als Hippolite ein nobler Tenor mit großen lyrischen Momenten. Und das Freiburger Barockorchester ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben, wenn es um Alte Musik geht.

Matthias Käther, kulturradio

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